Katie – die Piratentochter – eine Geschichte zum Gruseln?

Geistergeschichte oder Wissenschaftsroman? Im viktorianischen Großbritannien liebt man spiritistische Séancen. Sie waren nicht nur beim gelangweilten Adel in Mode. Auch die Wissenschaft versuchte sich in Erklärungen zu den verschiedenen spirituellen Phänomenen. Die Autorin Christine Wunnicke stieß zufällig während der Recherchen zu einem Radiofeature für den SWR auf das Bild von William Crookes und dem Medium Florence Cook: „der Atomphysiker mit dem Gespenst am Arm“ – beschreibt Christine Wunnicke das Bild in der Sendung „Die Buchkritik“ vom SWR am 05.03.2017. Das wollte sich die Autorin genauer ansehen.

Das tolle an diesem Roman ist, dass es die handelnden Personen wirklich gab und sich die Geschichte genauso zugetragen haben könnte. Christine Wunnicke schreibt gern über historisch verbriefte Persönlichkeiten und bettet sie in ihre Geschichte ein. Dies war mein erster Roman, den ich von ihr gelesen habe. Die ersten Seiten haben mich leider nicht so gepackt, wie ich es erwartet hatte. Aber nach und nach hat sie es dann doch geschafft. Das schmale Bändchen mit knapp 150 Seiten liest sich schnell herunter. Worum geht es?

Besagter William Crookes ist ein anerkannter Wissenschaftler im England des 19. Jahrhunderts. Er entdeckte das Thallium, wies radioaktive Strahlung nach und begann im Laufe seines Wirkens mit der Erstellung von Gutachten über verschiedene Medien. Als Florence Cook als Betrügerin bezeichnet wird, beauftragt ihn ein Florence-Bewunderer, ihr Tun wissenschaftlich zu untersuchen. Florence Cook beginnt mit 15 Jahren als Medium zu wirken. Sie ist eine Entfesselungskünstlerin, die bis zu ihrem 13. Lebensjahr ständig das Bett hüten muss und vor sich hin kränkelt. In den Séancen wird sie ebenfalls gefesselt und in einen Schrank gesperrt. Bei einer dieser Sitzungen geschieht dann das Unmögliche: es erscheint eine echte Geistererscheinung - Katie Morgan, Tochter von Henry Morgan – seines Zeichens walisischer Pirat. Von nun an erscheint Katie allen Romanbeteiligten in regelmäßigen Abständen und konfrontiert sie mit ihren Träumen, ihren Sehnsüchten und sogar ihren sexuellen Neigungen, wie bei Pratt, dem wissenschaftlichen Mitarbeiter von Crookes. 

Schon der Einband hat mir gut gefallen: Im Londoner Nebel schwebt der Name Katie über der Stadt an der Themse. Der kurze Roman ist wie ein Film geschnitten. Kurze Szenen mit teilweise größeren Zeitsprüngen wechseln sich ab. Während historische Romane meist viele hundert Seiten füllen, findet Christine Wunnicke eine sehr komprimierte Form, die Personen zum Leben zu erwecken. Dies gelingt ihr sehr gekonnt. Wer also Lust auf eine Geistergeschichte hat, sei herzlich eingeladen, Katie die Piratentochter kennenzulernen.

 

Tanja Drecke

 

Christine Wunnicke
Katie
176 Seiten · Halbleinen · fadengeheftet · 134 x 200 mm
Berenberg-Verlag
ISBN 978-3-946334-13-2
EUR 22,00

Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.