Cox oder der Lauf der Zeit – Christoph Ransmayr

Kein geringerer als der Kaiser von China lädt den im weit entfernten England des 18. Jahrhunderts lebenden Alister Cox – seines Zeichens begnadetester Uhrmacher seiner Zeit – zu einer Reise nach China ein. Tatsächlich gibt es ein reales Vorbild für die Romanfigur: James Cox. Dieser hatte allerdings niemals das Vergnügen, Quianlong, den Kaiser von China, zu treffen. Wohl aber hat dieser tatsächlich Uhren von James Cox gekauft und gesammelt. Christoph Ransmayr lässt nun diese beiden, von der Zeit besessenen Charaktere in seinem Roman aufeinander treffen.

Wohl kaum einer kann sich der Faszination von Zeit und ihrem Verrinnen entziehen. Wie oft sagen wir Sätze wie „Ich habe keine Zeit“, „Wenn ich Zeit hätte“ etc. – dabei ist Zeit eine Konstante. Dennoch empfinden wir Zeit ganz und gar unterschiedlich – manchmal scheint sie zu rennen, manchmal scheint sie sich endlos auszudehnen. Und so will der Kaiser von China Uhren, die genau dieses unterschiedliche Zeitempfinden messen können, wenn er zum Beispiel eine Uhr fordert, die das Zeitempfinden von Kindern misst. Eingeschlossen in ihre Werkstatt, die mit modernsten Werkzeugen ausgestattet ist und dennoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen kann, dass der Aufenthalt außerhalb dieser Mauern nicht erwünscht ist, machen sich Cox und seine Gefährten daran, diese Uhren zu konzipieren.  Jeder Wunsch nach Edelmetallen oder Edelsteinen wird ihnen erfüllt. Auch eine Reise zur chinesischen Mauer, einem Bauwerk, welches den westlichen Besuchern den Atem raubt. Uns als Lesern übrigens anlässlich Christoph Ransmayrs Wortwahl ebenso. Ein tödlicher Schuss setzt der Bewunderung ein jähes Ende. Immer wieder wird einem klar, welche (willkürlich) Macht, welchen Reichtum Quianlong gehabt haben muss Mit welcher Leichtigkeit zig Menschleben geopfert werden, um den Machtanspruch des Kaisers zu sichern. Schließlich äußert der Kaiser von China, der Herr der zehntausend Jahre und somit Herr der Zeit den Wunsch nach einer ewigen Uhr, die niemals aufhört zu schlagen. Verständlich, dass auch Cox Augen bei diesem Gedanken leuchten. So machen sich die englischen Uhrmacher ans Werk, sehr zum Unmut des Hofstaates. Steht eine Revolution ins Haus?

Im umfangreichen Nachwort erklärt Christoph Ransmayr, dass James Cox und der ebenfalls im Roman erwähnte Jacob Merlin tatsächlich eine Uhr bauen, die sie „Perpetual Motion“ nennen, und die einem perpetuum mobile sehr nahe kommt. Sie ist übrigens auch die einzige, nicht erfundene Uhr des Romans.

Christoph Ransmeyr ruft durch seinen poetischen Sprachstil unglaublich starke Bilder hervor, wenn er zum Beispiel auf Seite 74 schreibt „Die Sänfte hatte sie verschluckt wie ein schimmerndes, stummes Tier, das nun satt von seiner Beute durch die Nacht lief“. Dies mag dann auch die – zugegebenermaßen auf sehr hohem Niveau – einzige Kritik sein, die ich als Leserin hätte: an manchen Stellen waren mir die Beschreibungen zu künstlich, zu umfassend. Meine Gedanken schweiften dann manchmal einfach so von dannen. Eines sollte man sich definitiv bei der Lektüre dieses Romans nehmen: nämlich Zeit, um die eindrucksvolle Sprache zu genießen. Eine großartige Roman-Idee.

Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Leseexemplar.

 

Tanja Drecke

 


Buchdetails:
Christoph Ransmayr
Cox
oder Der Lauf der Zeit
Roman
Hardcover
Preis: EUR
22,00
ISBN: 978-3-10-082951-1
S. Fischer Verlag

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