Denen man vergibt – Lawrence Osborne

Das schwule Pärchen Richard und Dally feiert eine dekadente Party in seinem Domizil in Azna, inmitten der marokkanischen Wüste. Sie haben einen ganzen Ksar (altes Dorf) gekauft, welches sie Stück für Stück in eine Luxus-Hotelanlage umwandeln. Hier ist die Zeit stehen geblieben und die englische Tradition wird gepflegt mit Rauchzimmer nach dem Dinner, Bibliothek und Personal für die Hausgäste. Mehrmals im Jahr werden Partys geschmissen im Stil vom Großen Gatsby. Zur Party ist auch das englische Ehepaar David und Jo Henninger eingeladen. Von Anfang an ist dem Leser klar, dass diese Ehe weit von glücklich entfernt ist. David mit seinen bissigen zynischen Bemerkungen und seinem Alkoholproblem. Und Jo, die Kinderbuchautorin, die seit Jahren keine Zeile mehr auf Papier gebracht hat. „Die Mädchen waren flink und frech, mit Ehebruch in ihren Blicken. Er war durchaus angetan“ (S.8). Sie fahren durch die Nacht nach Azar, dem Ort der Party. Sie streiten, trinken Alkohol und verfahren sich. Dann schwenkt Osborne zum Ort des Partygeschehenes.

Milliardenschwere Europäer und Amerikaner berauschen sich an drei Tagen mit allem, was Richard und Dally aufbieten, die stets bemüht sind, keinen der Gäste nüchtern werden zu lassen: Alkohol, Marihuana, Koks. Und es wird gegessen im Überfluss. Die Gastgeber scheuen keine Mühen, aus Europa alle möglichen und unmöglichen Lebensmittel liefern zu lassen. Über nahezu allen Szenen in der alten Festung liegt eine subtile erotische Spannung.

Richard wartet auf die Ankunft von Jo und David, aber letztendlich beginnt die illustre Runde mit dem üppigen Dinner. Mitten im Sandsturm tauchen dann die Hennigers auf – völlig aufgelöst und mit einem toten Marokkaner auf dem Rücksitz. Geschickt lässt Osborne die Leser den zugrundliegenden Unfall nicht miterleben. Nur bruchstückhaft erzählen Jo und David, was passiert ist. Der Leser weiß genauso wenig vom Hergang wie die Partygesellschaft, die sich nicht wirklich für den toten Marokkaner interessiert. Die Polizei stellt wenig Fragen und somit scheint der Fall schnell zu den Akten gelegt. Der Leichnam wird in der klimatisierten Garage aufgebahrt.

 

Ait-Benhaddour, Dorf in Marokko
Ait-Benhaddour, Dorf in Marokko

Wer der Tote ist, erfährt der Leser erst später, als eine Rückblende von Lawrence Osborne eingebaut wird: Driss ist sein Name, und er erzählt seinem Freund Ismael von der Reise nach Frankreich, bei der er zunächst von einem englischen Ehepaar in Spanien aufgenommen wird. Voller Verachtung berichtet er über die Welt der Ungläubigen und sein Verhalten gegenüber diesem liebenswürdigen Ehepaar ist alles andere als freundlich. Was jedoch wirklich dort passiert ist, bleibt für den Leser ein wenig verschwommen.

Das Blatt wendet sich, als Abdellah, der Vater des Toten, mit einigen Männern auftaucht und verlangt, dass David an der Beerdigung seines Sohnes teilnehmen soll. Der Vorschlag der Fossilienhändler aus den Tiefen der Wüste überrascht alle Anwesenden. Erst nach langer Überzeugungsarbeit willigt David ein, den Männern in ein abgelegenes Dorf zu folgen, auch um Vergebung zu finden. Die Atmosphäre dieses Ausflugs ist durchgehend beängstigend: „…die blutorangene Färbung der Felsen erinnerte ihn abermals an einen in der Zeit eingefrorenen Tsunami, der sich plötzlich aus seiner Erstarrung lösen und über sie hereinbrechen könnte.“ (S. 164).

Trilobit - Fossilie, mit denen die Händler in Marokko ihren Lebenunterhalt bestreiten (Quelle: pixabay)
Trilobit - Fossilie, mit denen die Händler in Marokko ihren Lebenunterhalt bestreiten (Quelle: pixabay)

Parallel bleibt Jo in der Festung und gibt sich dem Party-Leben hin. Und während David sich seiner Frau absolut sicher ist und ihr nicht zutraut, eine Kokslinie zu schnupfen, tut sie genau das.
 

Viele ungewöhnliche Wendungen baut Lawrence Osborne in seinen Roman ein. Es ist das erste deutschsprachige Buch des fast 60jährigen Engländers, der inzwischen in Thailand lebt. Man merkt der Geschichte an, dass Osborne weit gereist ist und Reisereportagen geschrieben hat. Seine Beschreibungen sind so intensiv, dass man als Leser förmlich die Hitze der Wüste und den Sand auf den Laken spürt. Alle Figuren konnte ich mir lebhaft vorstellen, auch weil der Autor für alle eine eigene Sprache findet. Er deckt jede noch so kleine Schwäche seiner Figuren auf. Die Dialoge sind mit typischer britischer Boshaftigkeit und Direktheit geschrieben, wenn er zum Beispiel die Ausländer in Tanger als „charmante, lustige Arschlöscher“ beschreibt (S. 8).
 

Die Ungläubigen werden von den Einheimischen zwar scheinbar freundlich bedient, aber sie stecken voller Verachtung für diese und für sich selbst, weil sie sich durch das viele Geld korrumpieren lassen. Man hat beim Lesen das Gefühl, dass diese explosive Mischung jederzeit hochgehen könnte. An keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass Lawrence Osborne den Zeigefinger erhoben hat, um dem Leser seine Moralvorstellungen „unterzujubeln“. Gut und Böse halten sich auf beiden Seiten und in vielen Grauschattierungen die Waage – wie im echten Leben. Die wechselseitige Geringschätzung wird an vielen Stellen sehr deutlich. Auch das gegenseitige Unverständnis für die Lebensweise der anderen Kultur.

 

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung von mir. Das Buch ist spannend und in faszinierenden, starken Bildern geschrieben: „Der Ksar bestand aus getrocknetem Lehm und erweckte den Anschein, als wäre er von selbst aus der Erde gewachsen oder bei einer unterirdischen Eruption ausgespien worden.“ (S. 72). Ich habe es nur so weggelesen.

Vielen herzlichen Dank an den Wagenbach-Verlag für das Leseexemplar.

 
Tanja Drecke

 
Details zum Buch:

Lawrence Osborne
Denen man vergibt
Aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer
Roman
272 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Buch 22,00 €
ISBN 978-3-8031-3286-4

Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0