Kennen Sie eigentlich Flavia de Luce?

In unserer Reihe der kuriosen (und auch weniger seltsamen) Ermittler kommen wir heute zu Flavia de Luce. Der kanadische Autor Alan Bradley hat diese ungewöhnliche Krimireihe ins Leben geschrieben. Bereits der erste Band, der 2010 erschienen ist, sorgte für Furore: Alan Bradley erhielt den renommiertesten Krimipreis der Welt, den Dagger-Award, nur auf Basis eines Kapitels von „Mord im Gurkenbeet“. 

Ich bin Fan von Flavia seit der ersten Stunde. Flavia – das ist ein inzwischen 12-Jähriges Mädchen, das mit ihrem Vater, ihren zwei Schwestern Daffy und Feely sowie der Haushälterin Mrs. Mullet und dem Faktotum Ihres Vaters, Dogger, auf Buckshaw in England lebt. Flavias Mutter ist bei einer Expedition im Himalaya ums Leben gekommen und im Laufe der inzwischen neun Bände erfahren die Leser auch immer mehr über ihren ungewöhnlichen Tod. Bishop’s Lacey ist ein verschlafendes Nest und die skurrilen, typisch englischen Charaktere begleiten mich inzwischen schon so lange, dass Sie mir alle ans Herz gewachsen sind. Der Dorfpfarrer, seine Frau, die Tochter des Wirtshausbesitzers oder die Dame aus der Bücherei – alle sind sie so fein gezeichnet, dass ich sie mir gut in einer englischen Serie auf dem Land der 50er Jahre vorstellen könnte.

Da Colonnel de Luce sich mehr um seine Briefmarkensammlung als um seine Töchter kümmert und sich eigentlich ständig mit der finanziell schlechten Situation der Familie sowie der Instandhaltung des alten Herrenhauses beschäftigt, hat sich Flavia sozusagen im Selbststudium alles über Chemie beigebracht, was es zu wissen gibt. Schuld daran ist ein vollständig eingerichtetes Labor ihres verstorbenen Onkels Tars, das in dem ansonsten verwaisten Ostflügel von Buckshaw untergebracht ist. Dieses Wissen um die chemischen Prozesse hilft natürlich bei jeder Lösung der Fälle. Wer in der Schule in Chemie nicht so gut aufgepasst hat, kann das hier nachholen oder sein Chemiewissen mal wieder aufpolieren :-). Allerdings muss man absolut kein Interesse an Chemie haben, um die Bücher zu lesen.

Im neunten Band geht es um den mysteriösen Tod des Bildhauers, Mr. Sambridge. Kaum aus Kanada zurück, findet Flavia den Toten kopfüber in einer merkwürdigen Vorrichtung an der Tür hängend. Endlich hat Flavia Gelegenheit sich davon abzulenken, dass ihr Vater im Krankenhaus ist und sie ihn nicht besuchen darf. Besondere Rätsel geben die Kinderbücher im Zimmer des Toten wieder. Ihnen kommt eine zentrale Rolle im neunten Flavia-Fall zu. Durch den Bücherwurm Feely sind alle Bände mit vielen Zitaten aus der englischen Literatur gespickt. Dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass es aufgrund der Geschichte um den Kinderbuchautor, Oliver Inchbald, noch mehr geworden sind von Shakespeare (mit dessen Zitat aus Macbeth das Buch beginnt) bis Dickens – sogar Jeeves wird auf Seite 92 erwähnt (siehe unsere Rezension „Auf geht’s Jeeves“). Schnell wird klar: nichts ist in diesem Fall wie es scheint. Als der Sohn des berühmten Kinderbuchautors in Begleitung einer Hexe auftaucht, wird es immer verworrener.

Der Fall führt Flavia auch nach London, wo sie auf eine alte Bekannte aus dem letzten Band trifft: Mrs. Bannermann mutmaßliche Ehegatten-Mörderin, Chemielehrerin und Spezialistin für die „Chemie des Todes“. Im achten Fall, „Eine Leiche wirbelt Staub auf“, geht Flavia auf eine besondere Mädchenschule in Kanada, wo Mrs. Bannermann eine ihrer Lehrerin ist. Auch dieses Mal kann sie Flavia helfen.

Der Ton der Bücher ist typisch englisch, auch wenn Alan Bradley Kanadier ist. Man kann als Leser oftmals Schmunzeln über den trockenen Humor. Unterschwellig habe ich immer ein bisschen einen Kloß im Hals beim Lesen, weil Flavia so einsam ist: Ohne Mutter, mit einem Vater, der durch geistige Abwesenheit glänzt und mit zwei fiesen Schwestern hat sie es nicht leicht im Leben. Aber gerade deswegen ist Flavia glaubwürdig in ihrer Art, sich für den Tod zu begeistern und die Chemie zu ihrem Steckenpferd zu machen. Die Ich-Form lässt den Leser Flavia noch intensiver erleben, da man direkt an ihrer beeindruckenden Fantasy und den teils verschrobenen Gedanken teilhaben kann.

Flavia de Luce ist eine Krimiserie, die in bester Tradition mit dem englischen Krimi steht. Es ist ein bisschen wie Miss Marple als Kind/Teenager. Denn natürlich gibt es auch einen Inspektor, Inspektor Hewitt, der die Lorbeeren einheimsen darf, der die Fälle ohne die Hilfe des schlauen Kindes aber niemals vollständig aufklären könnte. Das Endes dieses Falles ist ein bisschen so, als wenn Miss Marple oder Hercule Poirot alle Beteiligten in ein Zimmer bittet und die große Lösung präsentiert. Muss man die Bücher in der Reihenfolge lesen? Nein, nicht zwingend, aber ich glaube, dass es schöner ist, die Figuren in ihrer Entwicklung mitzuerleben. Und Manches dürfte sich auch nicht so leicht erschließen, wenn man mit dem neunten Band anfängt.

Herrliche Krimi-Unterhaltung. Ich freue mich schon auf das nächste Abenteuer. Eine kleine Anmerkung: Schade, dass die Cover-Optik geändert wurde, da es a) jetzt nicht mehr so schön in meinem Bücherregal ausschaut und ich b) die alten Designs auch schöner und passender fand. Aber dem Inhalt tut das natürlich keinen Abbruch.

Flavia hat übrigens auch eine eigene Facebook-Fanpage und eine eigene Internet-Seite: http://www.flavia-de-luce.de/

Vielen herzlichen Dank an den Penhaligon-Verlag für das Leseexemplar.
Tanja Drecke

Folgende Bücher sind bisher bei Penhaligon erschienen:

  1. Flavia de Luce - Mord im Gurkenbeet
  2. Flavia de Luce - Mord ist kein Kinderspiel
  3. Flavia de Luce - Halunken, Tod und Teufel
  4. Flavia de Luce - Vorhang auf für eine Leiche
  5. Flavia de Luce - Schlussakkord für einen Mord
  6. Flavia de Luce - Tote Vögel singen nicht
  7. Flavia de Luce - Eine Leiche wirbelt Staub auf
  8. Flavia de Luce - Mord ist nicht das letzte Wort

Details zum Buch:

Flavia de Luce - Mord ist nicht das letzte Wort
Alan Bradley
Aus dem Amerikanischen von Gerald Jung, Katharina Orgaß

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7645-3113-3

€ 19,99

Verlag: Penhaligon

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