Die Magermilchbande von Frank Baer

Wir begleiten die Berliner Jungen Maxe, Peter und Adolf auf ihrem Weg von Tschechien nach Hause im Jahr 1945.  Sie sind mit ihrer Klasse aufs Land nach Pilsen geschickt worden: KLV – Kinderlandverschickung. Neben ihrem Schulgebäude sind Mädchenklassen aus Berlin einquartiert. Die Russen rücken näher und die Kinder sollen westwärts gebracht werden. Zunächst scheint noch alles gut zu laufen, die Klassen der Jungen fahren mit dem Zug. Aber dieser wird schon bald bombardiert und die Reise muss zu Fuß weitergehen. Der jüngste der Drei ist Adolf. Er läuft sich die Füße so stark kaputt, dass er nicht weiterlaufen kann. Maxe und Peter bleiben bei ihm, um auf einen Transport mit einem Wagen zu warten. Somit werden die drei von ihren Lehrern und Schülern getrennt. Auf sich allein gestellt, beginnt eine Odyssee durch das zerstörte Tschechien und Deutschland.

Auf ihrem langen Weg voller Hindernisse treffen sie zuerst auf das kleine Flüchtlingskind Tilli, deren Eltern bei einem Luftangriff ums Leben gekommen sind. Widerwillig nehmen sie sich ihrer an, wohl wissen, dass sie ihnen eine Last sein wird und ein Esser mehr. Später dann stoßen die vier auf das junge Berliner Mädchen Bille, die die Leser schon vorher kennenlernen, denn ihre Tagebucheinträge lassen uns parallel auch die Reise der Mädchenklasse miterleben. Mit den Tagebucheinträgen von Bille fängt Frank Baer seinen Roman am 20.04.1945 auch an. Dadurch war ich sofort mitten im Geschehen angekommen.

Die Kinder bewegen sich auf ihrer Reise immer am Rande der Legalität und oft genug auch mitten in der Illegalität beim Hamstern oder Klauen. Sie entwickeln sich ungewollt zu einer kleinen Bande, die den unbedingten Willen zum Überleben hat. Ihren Namen erhalten sie von Maxe Milch mit dem Spitznamen Magermilch.

Was aus den anderen der Schule wird, erfährt der Leser nicht. Der Weg der Kinder ist am Ende zwar gegangen, ein Ankommen Zuhause kann es in dieser Zeit in Deutschland aber nicht wirklich geben.

Das Buch von Frank Baer ist ein Klassiker aus den 1970er Jahren und wurde vom Penguin Verlag im März 2017 neu aufgelegt. Der Junge auf dem Cover mit seinem Zigarettenstummel in der Hand war für mich ganz klar der Protagonist Max Milch. Genauso hätte ich ihn mir auch vorgestellt.

Dieses Buch hat Tempo. Ich musste beim Lesen darauf achten, dass ich zwischendurch auch atme, so hat mich die Flucht der Kinder gepackt – ein atemberaubendes Buch im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Krimi könnte nicht spannender sein. Das Buch ist verfilmt worden, und ich habe bereits beim Lesen den Film vor meinen Augen gesehen. Es ist ein sehr lesenswertes Buch, das ich in wenigen Tagen quasi inhalieret habe.

Frank Baer schreibt sehr einfühlsam. Sein Satz auf S. 378 „Er war ganz voll von dieser Geschichte.“ beschreibt so gut, wie es Kinder mit Erlebnissen geht, die sie unbedingt sofort jedem erzählen müssen. Viele Dinge, von denen Frank Baer in dem Roman berichtet, kenne ich aus den Erzählungen meiner Verwandtschaft: Das Hamstern, das mit Sägemehl oder anderen Dingen versetzte Essen, Russen, die auf deutsche Toiletten schießen, weil sie so etwas noch nicht gesehen hatten – und manche noch viel schlimmere Geschichte. Im Nachwort beschreibt der Autor seine Recherche zu dem Buch, für das er mehr als 400 Interviews ausgewertet hat, darunter 40 von Berliner Schülerinnen und Schülern, die einen ähnlichen Weg gegangen sind. Er schreibt dazu auf Seite 414 „Die fünf Kinder der Magermilchbande sind frei erfunden. Aber das, was sie erleben, beruht auf Tatsachen.“

So viele Kinder auf der Flucht, allerdings auf dem umgekehrten Weg nach Hause – die Zukunft vollkommen ungewiss, die Bange Hoffnung im Gepäck, dass die Eltern wohlauf sind. Natürlich verknüpft man das Buch auch mit den heutigen Kindern auf der Flucht, denen die ganze Kindheit genauso genommen wird. Damals wie heute erschreckt mich die beschriebene Mitleidlosigkeit mancher Menschen. Damals im und nach dem Krieg erschreckend, aber vielfach auch aus purer Not vor dem eigenen Verhungern. Heute nur noch erschreckend, denn völlig ohne Not.


Vielen Dank an den Penguin-Verlag für das Leseexemplar!


Details zum Buch:

Die Magermilchbande
Frank Baer

Originalverlag: Knaus, München 1979
Taschenbuch, Broschur, 416 Seiten
ISBN: 978-3-328-10064-5
€ 10,00
Verlag: Penguin

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