Die Kostbarkeiten von Poynton von Henry James

Das in Deutschland weniger bekannte Werk von Henry James wurde vom Manesse-Verlag im Juni neu aufgelegt. Henry James lebte 1843 bis 1916 und wurde in New York geboren. „Die Kostbarkeiten von Poynton“ spielt allerdings in England, da der Autor Zeit seines Lebens gerne gereist ist. Vor allem nach Europa zog es den Kosmopolit. Bei Manesse sind u.a. die bekannten Werke  „Die Europäer“ und „Washington Square“ erschienen. Falls Sie sich fragen, ob es der Henry James ist, der in Notting Hill immer wieder bemüht wird: ja genau, der ist das.

Der Gesellschaftsroman um die wohlhabende Familie Gereth, ihren Landsitz „Poynton Park“ und die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Fleda Vetch entführt uns in die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Erzähler stellt uns als erstes Mrs. Gereth vor, die englische Dame, die auf ihrem Landsitz Poynton erlesene europäische Einrichtungsgegenstände zusammen mit ihrem Mann versammelt hat. Nun droht der Rausschmiss der Lady, denn durch den Tod des Mannes erbt ihr Sohn Owen Poynton mit all seinen Kostbarkeiten. Die Verbannung in ein kleines Cottage droht umso mehr, als Owen in Mona Brigstock seine zukünftige Frau findet und sich mit ihr verlobt. Eben am Sitz der Familie Brigstock, namens Waterbath, beginnt Henry James seinen Roman. Wir schauen in den Kopf von Mrs. Gereth, die die Geschmacklosigkeit des Landsitzes nicht fassen kann, wie sie unmissverständlich durch ihre Gedanken mitteilt. Für sie handelt es sich um  „undefinierbaren Einrichtungsgegenständen, bei denen es sich um Auszeichnungen für Blinde hätte handeln können“ (Seite 9). Schnell wird klar, mit welch beißendem Spott Mrs. Gereth ihre Situation beschreibt: „Es fiel ihr schwer zu glauben, eine stundenlange von der Tapete in ihrem Zimmer wach gehaltene Frau könne präsentabel aussehen;…“ Seite 5,6)  Doch das englische Recht ist gnadenlos gegenüber der Witwe: Sie muss weichen und alles der neuen Frau überlassen, die für sie den Inbegriff der Geschmacklosigkeit verkörpert.

Doch Mrs. Gereth gibt sich nicht kampflos geschlagen. Sie spannt die junge, intelligente Fleda Vetch vor ihren Karren, die aus ärmlichen Verhältnissen kommt und sich gern unter die Fittiche dieser wohlhabenden Frau nehmen lässt. Erst verweilen die Damen in London, dann endlich darf Fleda Poynton begutachten und bricht vor lauter Schönheit in Tränen aus. Es haben sich zwei Freundinnen gefunden und in Mrs. Gereth wächst der Wunsch, Fleda möge doch ihre Schwiegertochter werden. Dann wäre sie sogar bereit, die Kostbarkeiten von Poynton ihrem Sohn und seiner Frau zu überlassen. Fleda kann sich zunächst nicht für diesen Gedanken erwärmen, aber im Laufe der Zeit weiß sie den zwar recht einfältigen, doch herzensguten jungen Mann zu schätzen. Als Mona nach Poynton reist, um ihr neues Domizil zu begutachten, versucht Owens Mutter ihm Fleda schmackhaft zu machen, worüber diese mehr als entsetzt ist. Zu allem Überfluss ist Mona sehr angetan von der Pracht ihres neuen Hauses, aber natürlich nicht würdig.

Owen macht seiner Mutter klar, dass nun ein Umzug in ihr neues kleines Cottage angeraten ist. Gerne dürfe sie sich einige Dinge aussuchen, um sie mitzunehmen. Doch wie soll Mrs. Gereth diese Aufgabe je erfüllen, ist doch jedes einzelne Stück erlesen, kostbar und kann keinesfalls von den anderen Dingen getrennt werden. Schweren Herzens und mit Busenfreundin Fleda als moralische Verstärkung besichtigen sie das ehemalige Domizil der Tante in Picks. Erwartungsgemäß ist es ganz und gar inakzeptabel! Die beiden hecken einen Plan aus, in dem Fleda als Vermittlerin zwischen Mutter und Sohn auftreten soll.  Doch als Mrs. Gareth alle Gegenstände aus Poynton in einer Nacht und Nebelaktion nach Picks holt, ist Fleda entsetzt und Owen ratlos, will Mona ihn doch erst heiraten, wenn alle Kostbarkeiten wieder in Poynton sind. Ein intrigantes Verwirrungsspiel beginnt.

Henry James schreibt bemerkenswerterweise über zwei Frauen und ich hatte das Gefühl, dass er die Gefühlswelt der Damenwelt im 18. Jahrhundert sehr gut einzufangen vermag. Seine Protagonisten und ihre Beweggründe sind nicht leicht zu durchschauen. Immer wieder stehen innere Gedankenwelt und äußere Handlung sich diametral gegenüber. Dies ist sicherlich nicht jedermanns Romans. Ich musste mich auch erst einmal in den Sprachstil einlesen, da die Übersetzung von Nikolaus Stingl nicht in heutige Sprache übertragen wurde. Aber für mich hat es sich gelohnt. Bis zur letzten Zeile habe ich mitgefiebert, ob sich Owen und Fleda bekommen, denn eigentlich geht es nicht um viel mehr. Aber dafür werden wir auf 269Seiten Zeuge von Intrigen, Manipulationen und exzellenten Dialogen. Alle Fans der britischen Lebensart, von P.G. Woodhouse, von Downton Abbey oder Eaton Place können sich sicherlich auch für diesen Stoff begeistern. Durch das Nachwort von Alexander Cammann wird der Roman noch vor dem biografischen Hintergrund des Autors eingeordnet.


Vielen Dank an den Manesse-Verlag für das Leseexemplar.


Lesen Sie wohl
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
Henry James

Die Kostbarkeiten von Poynton
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN: 978-3-7175-2352-9
Preis: € 24,95

Verlag: Manesse
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