Kennen Sie eigentlich Comoran Strike?

Comoran Strike ist ehemaliger Ermittler der Special Investigation Branch (SIB) des britischen Militärs und jetziger Privatdetektiv in London. Der Charakter stammt von einem Autor Namens Robert Galbraith, hinter dem sich keine geringere verbirgt als J.K. Rowling. Mit „Die Ernte des Bösen“ hat sie den dritten Teil rund um den Detektiv und seine gleichermaßen hübsche und kluge Assistentin, Robin Ellacott, vorgelegt. Beim ersten Teil „Der Ruf des Kuckucks“ habe ich mich sehr gut unterhalten gefühlt, den zweiten Teil „Der Seidenspinner“ fand ich streckenweise etwas langweilig, insofern war ich gespannt auf den dritten Band. Gleich vorweg: Das Buch liest sich gut weg und ist spannend geschrieben. Der Fall bewegt sich an der Grenze zum Ertragbaren. Allerdings fand ich 660 Seiten auch etwas zu lang, und ich hätte mir etwas weniger Aufmerksamkeit für die Beziehungsthemen der beiden Ermittler gewünscht. Aber auch Elisabeth George neigt in manchen ihrer Bücher zu Ausschweifungen über ihre Ermittler, was dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch tut.

Der Krimi spielt 2011 in London und Nordengland. In den 62 Kapiteln wechseln sich die Perspektiven zwischen den beiden Ermittlern und dem Täter ab. In den Täter-Episoden tauchen wir tief ein in den Kopf des Serienmörders, der seinen perfiden Plan damit eröffnet, dass er ein abgetrenntes Bein an die Detektei schickt. Die Presse stürzt sich begeistert auf den Fall und rückt die Detektei erneut ins Rampenlicht. Nachdem Strike bereits zwei Fälle gelöst hat und den Londoner Kriminalermittlern empfindlich auf die Füße getreten ist, freut sich die schreibende Zunft über einen neuerlichen Skandal rund um den Ermittler mit der schillernden Vergangenheit. Besonders brisant ist die Tatsache, dass das Bein an genau der Stelle abgetrennt wurde, an der auch Strike sein Bein verlor: durch einen Bombenanschlag während seiner Zeit beim Militär wird sein rechtes Bein unrettbar verletzt, so dass er seitdem eine Prothese trägt. Das Bein ist allerdings nicht an Strike adressiert, sondern an Robin. Gleich vier Menschen aus seiner Vergangenheit traut er eine solche Tat zu: seinem eigenen Stiefvater, einem drogenabhängigen Musiker, der nach Strikes Meinung auch seine Mutter auf dem Gewissen hat und der aus seiner Abneigung gegenüber dem Stiefsohn nie einen Hehl machte. Einem Unterwelt-Ganoven, dem Strike das Handwerk gelegt hat, allerdings ohne dass dieser offiziell davon Kenntnis haben sollte. Und zwei ehemalige Soldaten, die grausame Taten in ihrem privaten Umfeld begangen haben und denen Strike auf die Schliche gekommen ist. Donnie Laing, der seine Exfrau brutal misshandelte und Noel Brockbank, der sich an Kindern vergreift.

Die Polizei glaubt nicht so recht an die drei Verdächtigen aus Strikes Vergangenheit, sondern fokussiert ihre Ermittlungen vorerst auf den Unterwelt-Gangster, obwohl Detective Inspector Eric Wardle den Privatdetektiv schätzt und mit ihn zusammenarbeitet. Strike seinerseits verliert immer mehr Aufträge aufgrund des Medienrummels und nutzt seine Zeit, um die Schatten seiner Vergangenheit selber ausfindig zu machen. Besorgt über den Fokus des Täters auf Robin, versucht Strike seine Assistentin aus dem Spiel zu nehmen, doch die erweist sich als wenig kooperativ, da der Haussegen mit ihrem Verlobten Matthew schief hängt. Als die zweite Gruselpost in der Detektei eintrifft, ist für Strike das Maß allerdings voll und Robin wird auf das Abstellgleis geschoben. Aber so schnell lässt sich seine Partnerin nicht entmutigen…

Man merkt Robert Galbraith alias J.K. Rowling an, wie viel Spaß sie hat, über ihre Londoner Ermittler zu schreiben. Comoran Strike ist mit seiner Kriegsverletzung, seiner massigen, ewig rauchenden Gestalt und seiner berühmten Groupie-Mutter ein äußerst gut gelungener Charakter, den ich persönlich sehr mag. Er ist kein super gebildeter Schönling, auch kein total kaputter Typ oder Soziopath, wie andere Detektive der Literatur. Das zwiegespaltene Verhältnis zur Polizei, die Aufklärung der Fälle und die Zusammenarbeit von Detektiv und Partner erinnern an die alten Klassiker. Auch wenn der Krimi in der Neuzeit angesiedelt ist, spielt Hightech nur selten eine Rolle. Vielmehr zeigt sich das regnerische London von seiner düsteren Seite, es werden alte Pubs als Treffpunkte für alle möglichen Besprechungen genutzt und man folgt dem Ermittler-Duo sowohl  durch das schicke als auch durch das heruntergekommene London. Genau das richtige bei stürmischen Herbstwetter.

Übrigens, ich wusste wer der Mörder ist, als er das erste Mal im Buch aufgetreten ist. Mal sehen, ob Sie ihn auch so schnell durchschauen :-). Die Bücher werden gerade für die BBC verfilmt. Wer Lust auf mehr Informationen zur cineastischen Umsetzung haben möchte, wird hier fündig.

Vielen Dank an den Verlag blanvalet für das Leseexemplar.


Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Die Ernte des Bösen
Richard Galbraith
Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 672 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-7645-0574-5
€ 22,99
Verlag: Blanvalet
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