Boston – Upton Sinclair

Der Grund, warum hier längere Zeit keine neue Rezension zu finden war, liegt in diesem monumentalen, 968 Seiten Klassiker aus dem Jahre 1928, durch den ich mich mit großem Vergnügen gelesen habe. „Boston“ wurde im Manesse-Verlag neu übersetzt. Das Werk ist keine Biografie der wohlhabendsten Stadt der USA, sondern die romanhafte Aufarbeitung zweier zum Tode Verurteilter, deren Hinrichtung weltweit für Empörung gesorgt hat. Upton Sinclair war selber einer der Aktivisten, die versucht haben, die beiden italienischen Einwanderer Bartolomeo Vanzetti und Nicola Sacco vor dem elektrischen Stuhl zu retten.

Sinclair beginnt die Geschichte mit der fiktiven Protagonistin Cornelia Thornwell, deren Gatte Josiah gerade tot in seinem Arbeitszimmer gefunden wurde. Im Zuge der anschließenden Vorbereitungen zur Trauerfeier lässt uns der Autor einen zynischen Blick auf die wohlhabende Familie Thornwell werfen, die zum echten „Boston“ gehört (denn die vergleichsweise jungen amerikanischen Dynastien gebärden sich genauso wie ihre englischen Pendants): Die Töchter sind alle gut verheiratet, die älteste Deborah mit Rupert Alvin, einem mächtigen Bankenvorstand, Clara als jüngste mit James Scatterbridge, der leider so gar nicht „Boston“ ist, sondern ein Emporkömmling, der aber durch unglückliche Finanzspekulationen des toten Josiah vom Buchhalter zum Firmeninhaber der Thornwell-Werke wird (sehr zum Leidwesen der anderen Schwestern) und Alice mit Henry Cabot Winter, einem berühmten Rechtsanwalt, der Rupert Alvin und seine Banken-Kumpane in allen Fragen gewinnbringender Transaktionen berät und dabei selber gern ein Stück vom Kuchen abbekommt.

Cornelia empfindet die Schlacht um das Erbe unerträglich und beschließt noch vor Eröffnung des Testaments aus dem ihr verhassten Leben auszubrechen. Sie sucht sich eine Anstellung als einfache Arbeiterin und will mit ihren 60 Jahren von ihrem eigenen Geld leben. Dies gelingt ihr schließlich auch in einer Tauwerksfabrik in Plymouth, mit deren Besitzer sie eigentlich bei anderen Anlässen schon des Öfteren Bekanntschaft gemacht hat. Nun lernt sie die Herkunft seines Reichtums kennen und wie hart die Menschen in den Fabriken arbeiten müssen, um diesen Wohlstand zu mehren. Eine italienische Familie vermietet ihr ein Zimmer und so lernt Cornelia Bartolomeo (Bart) Vanzetti kennen, der ebenfalls zur Untermiete dort wohnt. Sicherlich kann man die Beweggründe von Cornelia in Frage stellen, aber Upton Sinclair geht es nicht um literarische Kniffe. Sein Ziel ist die literarische Verarbeitung des Falles in Kombination mit einem Gesellschaftsbild des reichen Bostons, der politischen Atmosphäre in den USA während und nach dem 1. Weltkrieg, die panische Angst vor der „roten“ Gefahr und die Auswüchse des bedingungslosen Kapitalismus.


Familie Thornwell weiß indes nicht, wo ihre Großmutter abgeblieben ist, bis sie von ihrer Lieblingsnichte, Betty, eine Tochter von Deborah und Rupert, durch Zufall entdeckt wird. Cornelia hat sich inzwischen eingelebt in der Arbeiterklasse und wird von Bart mit seinen Ansichten über Anarchismus gefüttert. Die beiden führen lange Diskussionen über die verheerenden Folgen des Kapitalismus. Als Betty ihre Großmutter findet, gerät auch sie in den Bann des sanftmütigen Italieners und seinen linken Ansichten. Dies kann ihren Eltern natürlich nicht Recht sein. Als diese einen Brief an die „durchgebrannte Großmutter“ abfangen, sind sie entsetzt und machen sich auf den Weg, um Cornelia von ihrer wahnwitzigen Idee abzubringen. Alleine schon deshalb, um sich einen handfesten Skandal zu ersparen. Als Kompromiss gibt sie zwar ihre Arbeitsstelle auf, zieht aber nicht zu ihrer Tochter, sondern nimmt sich eine kleine Wohnung, mit dem Plan, Betty dort einziehen zu lassen.  Nach anfänglichem Sträuben stimmen die Eltern zu. Fortan kämpfen Großmutter und Nichte für die Arbeiterklasse, Frauenwahlrecht und Gerechtigkeit.

Parallel verschärft sich die Lage vor allem der links gerichteten Menschen in den USA durch deren Kriegseintritt und die bolschewistische Revolution in Russland durch Lenin. Die Verfassung wird nach Kräften gebeugt – leider ein Phänomen, was auch in jüngerer Vergangenheit bei politisch oder religiösen Andersdenken geschehen ist.

Als Betty mit ihrer Tante Letetia nach Europa geschickt wird – einer weltfremden Jungfer – reist Cornelia heimlich hinterher. Diese Zeit in Europa wird dem Leser durch Briefe an die Eltern von Betty und ihrer Tante geschildert. Sie lernen eine Menge linker Aktivisten kennen und reisen von England nach Frankreich und schließlich nach Ungarn. Die Eltern sind naturgemäß nicht begeistert. Cornelia kehrt zurück in die USA, während Betty in Ungarn weiterhin bedürftigen Kindern hilft. Als sie einen Brief an ihre Grandma schreibt, und diese bittet, wieder zu ich an einen italienischen See zu reisen, fährt Cornelia erneut nach Europa. Sie soll sich von den Aktivitäten erholen, die sie in Amerika viel Kraft gekostet hat – ihr Kampf gegen die Unterdrückung der Arbeiterklasse, aber vor allem für die protestierenden Menschen, die auf Missstände aufmerksam machen und vom Staat gnadenlos bekämpft werden. Selbst als die Polizeibeamten streiken werden diese von der Regierung ausgetrickst und durch neue Beamte ersetzt. Zur damaligen Zeit ist es nicht ungewöhnlich, bei einem Streik ums Leben zu kommen, verhaftet zu werden oder ähnliches. Heute sind die meisten genervt, wenn Arbeitnehmer dieses hart erkämpfte Recht in Anspruch nehmen, etwa wenn Kindergärtnerinnen zu lange streiken.

In Italien erreicht die beiden die Nachricht von Vanzettis Verhaftung. Zunächst glauben alle Beteiligten nicht an den Ernst der Lage und Vanzetti beruhigt die Damen in seinen Briefen. Doch die ursprüngliche Anklage wegen der Flugblätter mit anarchistischem Inhalt wird schon bald zur Mordanklage. Lee Swanson, ein Radikalenanwalt aus dem Westen, übernimmt die Verteidigung von Vanzetti und Sacco, der inzwischen ebenfalls angeklagt ist. Auch die italienische Regierung entsendet einen Prozessbeobachter, der den Reportern klar macht, dass ein fairer Prozess erwartet wird. Wenn man das Ende nicht kennen würde, hätte man immer wieder die Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. Doch sowohl der Prozess gegen Vanzetti für den ersten Raubüberfall, für den er 15 Jahr aufgebrummt bekommt, als auch der Prozess gegen Sacco und Vanzetti wegen des zweiten Raubüberfalls mit Todesfolge ist geprägt von krummen Machenschaften, beeinflussten Zeugen, einem parteiischen Richter Thayer, Unterschlagung von Beweisen, Bestechungen, Meineiden und Falschaussagen. Der Stoff aus dem Filme, wie „Die Unbestechlichen“, gemacht sind. Unfassbar, wie die USA sich in diesem Fall verhalten haben.

Erst nach dem Ende des Prozesses gelingt es den Verteidigern viele Sachverhalte aufzuklären und zu entkräften – „zu spät“ ist daher vieles, was ans Tageslicht kommt. Sämtliche Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens werden von Richter Thayer abgelehnt. Und auch der Oberste Gerichtshof traut sich nicht, den eigenen Richter in Frage zu stellen und bestätigt die Vorgehensweise Thayers. Bis zum Schluss reichen zahllose Menschen Gnadengesuche beim Gouverneur ein – auch europäische Prominenz, wie Carl von Ossietzky, H. G. Wells oder George Bernard Shaw machen sich für die beiden stark. Weltweit finden Demonstrationen statt, in Boston werden diese massiv gestört bzw. unterbunden und Teilnehmer kurzerhand ins Gefängnis verfrachtet. Aber alles Betteln, Flehen, Argumentieren, Beschimpfen hilft nichts – am 22.08.1927 werden beide auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

Upton Sinclair lebte und wirkte von 1878 bis 1968. Er war ein politisch engagierter Schriftsteller, der knapp hundert Romane veröffentlicht hat (und viele davon genauso umfangreich wie „Boston“). Sein Pendant ist wohl Henry James, der ähnlich produktiv und gänzlich unpolitisch daherkam.
Sinclair übt eine harsche kritisch am damaligen Rechtssystem und am Kapitalismus mit seiner Ausbeutung der Armen und Ungebildeten. Diese Kritik ist heute so aktuell wie damals. Er beschreit die Entstehung der kommunistischen Bewegung in Europa und die wachsende Phobie der USA vor der „roten Gefahr“ und dem „roten Terror“. Immer wieder gibt es aktuelle Bezüge zu heutigen Entwicklungen zu finden: Die italienischen Emigranten sind Hassobjekt der kleinen Leute. Sie verkörpern die Angst vor dem Fremden, auch wenn letztlich alle irgendwann einmal in dieses Land eingewandert sind. Auch die Unverfrorenheit der Bankiers und ihre Machenschaften erinnern sehr an die letzte Bankenkriese und die heutige Zeit, in der zwar Banken gerettet werden, aber die Kleinanleger leer ausgehen. Auch das Thema „Lügenpresse“ bzw. die Presse als verlängerter Arm der Mächtigen im System stellt Sinclair an den Pranger.

Man könnte sich fragen, warum Sinclair überhaupt fiktive Figuren einbaut, aber so kann er neben dem Fall auch sehr plakativ ein Sittengemälde der gehobenen Kreise von Boston zeichnen.
Sinclair schreibt in einem sehr eingängigen Stil, der einfach zu lesen ist. Die Story ist sehr spannend, und man fiebert als Leser mit Cornelia und ihrer Nichte Betty mit. Dennoch ist es eine Herausforderung, die 968 Seiten zu lesen. Eine Fülle von Fakten (Prozessakten, Zeitungsberichte, eigene Gespräch mit Vanzetti) wird hier verarbeitet und man bekommt ordentlich Stoff zum Nachdenken mit dazu. So ist diese Rezension auch ziemlich lang geraten und doch habe ich längst nicht alles verarbeitet, was ich mir nebenbei notiert habe. Ein großes Lesevernügnen!

Vielen Dank an den Manesse-Verlag für das Leseexemplar!

Lesen Sie wohl!

Ihr Tanja Drecke

Details zum Buch:

Boston

Upton Sinclair
Aus dem Amerikanischen von Viola Siegemund

Gebundenes Buch, Leinen mit Schutzumschlag, 1.040 Seiten

€ 42,00
ISBN: 978-3-7175-2380-2
Verlag: Manesse

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