Leere Herzen - Juli Zeh

Am heutigen Tag die Rezension zu „Leere Herzen“, dem neuen Roman von Juli Zeh zu schreiben, verursacht mir Gänsehaut, befinden wir uns in ihrer Dystopie im Deutschland des Jahres 2025, in dem die BBB – die Besorgte-Bürger-Bewegung – die Regierung übernommen hat und Angela Merkel abgewählt wurde. Ein Szenario, dass nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen geradezu beängstigend ist, zumal Julie Zehs BBB auch AFD heißen könnte. Der düstere Thriller ist ein Buch, in dem das langsame Verschwinden demokratischer Errungenschaften durch die Ignoranz einer satten Generation, nicht wirklich zu Empörung führt, denn wie die Autorin ihre Protagonistin denken lässt, ist ihnen klar „dass Politik wie das Wetter ist: Sie findet statt, ganz egal, ob man zusieht oder nicht, und nur Idioten beschweren sich darüber.“ (S. 19). Der Zynismus des Buches ist streckenweise hart an der Grenze des Ertragbaren, und zwar nur deshalb, weil ich mich durchaus des öfteren wiedererkannt habe unter den überspitzten Formulierungen – und das ist auch genau so gewollt. „Da. So seid Ihr.“ schleudert Sie uns passenderweise in ihrer Vorabbemerkung entgegen.

Die Hauptprotagonistin Britta Söldner (der Name ist Programm) ist eine durchorganisierte Mutter und Ehefrau, die mit ihrem Unternehmen „Die Brücke“ die Familie ernährt. Was das Unternehmen wirklich macht, weiß niemand in Brittas Umfeld. Das Erfolgskonzept: Unter dem Deckmantel einer Praxis für Psychotherapie kümmern sich Britta und ihr Geschäftspartner Babak um Selbstmörder. Diese werden über eine Art Supercomputer namens Lassie mit einem ausgeklügelten Algorithmus im Internet gefunden, durchlaufen ein 12-Stufen-Programm und sind danach entweder von ihrem Wunsch, sich umzubringen geheilt, oder dürfen sich für einen höheren Zwecke in die Luft sprengen. Denn die Auftraggeber von Britta und Babak haben aus verschiedenen Gründen Schwierigkeiten, Selbstmordattentäter zu rekrutieren. Das gilt für Tierschutzaktivisten gleichermaßen wie für Islamistische Gruppierungen. Sie bezeichnen sich selbst als erste „Terrordienstleister der Republik“ und verdienen jede Menge Geld damit.

Doch ein Sprengstoff-Attentat am Leipziger-Flughafen stürzt „Die Brücke“ in eine Krise: denn diese Attentäter sind nicht von ihnen losgeschickt wurden. Droht Konkurrenz? Immer rasanter wird der Plot, den Juli Zeh entwirft: Britta fühlt sich verfolgt, in die Räumlichkeiten der „Brücke“ wird eingebrochen und ein mysteriöser Investor verhilft Brittas Mann Richard zum Erfolg seiner Firma.
Juli Zeh setzt sich als Schriftstellerin für gesellschaftliche Themen ein, wie sie schon mit ihrem Bestseller „Unterleuten“ bewiesen hat. In „Leere Herzen“ entwirft sie neben ihrer Hauptdarstellerin Britta liebenswert kaputte Charaktere. Das Buch hat ein hohes Tempo und der Kampf auf Leben und Tod ist spannend bis zum Schluss.

Wer nach dieser Lektüre nicht bei der nächsten Wahl hoch motiviert und stolz zur Wahlurne geht, um die Demokratie zu verteidigen und vor allem um nicht als emotionaler Zombie ohne Sinn für die Gemeinschaft zu enden, dem würde ich ein leeres Herz attestieren. Keiner kann eine Gesellschaft wollen, die Juli Zeh hier beschreibt. Ein Buch, das zur Pflichtlektüre in den höheren Klassen unserer Schulen gehört. Und falls Sie noch ein Weihnachtsgeschenk suchen…

Weitere Infos zum Roman von Juli Zeh selbst, gibt es im Interview mit Denis Scheck in der Sendung Druckfrisch.

Vielen Dank an den Luchterhand Literaturverlag für das Leseexemplar!

Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke


Details zum Buch:

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87523-1
€ 20,00
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
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