· 

Gullivers Reisen von Jonathan Swift

Wir starten das neue Jahr mit einem alten Bekannten: Der Manesse Verlag hat eine Reihe von Klassikern in bibliophilen Neuauflagen herausgebracht. Darunter auch Gullivers Reisen, welches ich netterweise als Leseexemplar erhalten habe. Vielen Dank an den Verlag dafür! Die Ausgabe wurde anlässlich des 350. Geburtstages am 30.11.2017 veröffentlicht und erweitert damit die Reihe der Manesse Bibliothek, die zum Beispiel auch Frankenstein oder Jenseits von Afrika umfasst. Das Büchlein ist mit 15 cm kaum höher als ein Smartphone, hat eine unglaublich schöne Haptik durch das ausgewählte Papier und macht sich sehr schön im Bücherregal. Natürlich ist die Ausgabe mit einem Lesebändchen versehen (in Gold) und hat eine exklusive Fadenheftung. Wer für lesebegeisterte Menschen ein besonderes Geschenk sucht, kann hier den Grundstein für eine ganze Sammlung legen.

 

Nun aber zur Fantasie-Geschichte Gullivers Reisen: Fast jeder kennt einen Teil der Erzählungen aus der Kindheit, die meist auch in einer kindgerechten Fassung von den Abenteuern Gullivers in Lilliput und bei den Riesen in Brobdingnag veröffentlich wurde. Den dritten und vierten Teil der Reiseberichte hingegen kannte ich bisher nicht. Jonathan Swift hat Gullivers Reisen als eine Satire auf die damalige englische Gesellschaft geschrieben, was sich einem durch die zahlreichen Kommentierungen am Ende des Buches auch erschließt. Unabhängig davon, ob es einen interessiert, welche historische Personen Swift nun eigentlich meint oder über welche Ereignisse und Orte er schreibt, erschließt sich dem Leser die Gesellschaftskritik, die auch heute noch (und sogar mehr denn je) ihre Gültigkeit hat. Swifts Erzählung ist ein großes Plädoyer für die Rückkehr der Vernunft in das menschliche Handeln.

 

Was in Lilliput als kindische Zänkerei unter Püppchen erscheint, wirkt bei den Riesen bedrohlich und beängstigend. Bei den einen ist Gulliver der mächtigste Bewohner, bei den anderen eine völlig ausgelieferte Puppe. Die verschiedenen Streitigkeiten, wie zum Beispiel darum, sein Ei in der richtigen Art zu köpfen, steht für politische und kirchlichen Streitigkeiten der damaligen Zeit.  Am meisten amüsiert habe ich mich über die Zeit, die Gulliver bei den Riesen verbringt, in der selbst kleinste Lebewesen wie Fliegen oder Alltagserscheinungen wie Kuhfladen für Gulliver zur Bedrohung werden. So ungeschlacht die Giganten auch erscheinen, als Gulliver ihrem König von Schwarzpulver und Kugeln erzählt, ist er entsetzt über die Zerstörungskraft dieser Dinge und verbietet Gulliver je wieder darüber zu sprechen. Gulliver sieht das natürlich nicht als eine weise Einsicht, sondern legt die Reaktion des Königs als Dummheit aus.

 

Erstaunlicherweise ging es mir wie Gulliver und ich konnte zum Ende des Kapitels die Proportionen gar nicht wieder geraderücken. Bei den Riesen wird er in einem kleinen Kasten als Attraktion gehalten. Seine "Bewacherin", Prinzessin Glumdalklitsch,  hat dafür zahlreiche Puppenmöbel angefertigt, damit er es auch bequem hat. Als Gulliver von einem Schiff auf dem Meer am Ende gerettet wird, hatte ich immer ein Minikästchen vor Augen, eben in Puppengröße, vermutlich hatte ich einen geschrumpften Menschen im Kopf, nicht einen normal großen Menschen unter Riesen.

 

Gulliver kann auch nach der zweiten, doch sehr bedrohlichen Reise nicht lange bei seiner Frau und seinen Kindern ausharren und so macht er sich auf den Weg nach Osten. Das Schiff, auf dem er als Schiffsarzt angeheuert hat, wird allerdings von Piraten gekapert. Gulliver verschlägt es auf eine Insel, deren König auf einer schwebenden Insel namens Laputa das Land regiert. Die Menschen auf der schwebenden Insel haben sich der Mathematik und der Musik verschrieben. Sie zeichnen sich durch geistige Abwesenheit aus, die sie durch sogenannte Patscher durchbrechen: Ein eigens dafür eingestellter Diener patscht sie mit einer gefüllten Blase, damit sie aus den Gedanken wieder in die Realität finden. Gulliver wird als dümmliches Wesen wenig geschätzt und wird nicht davon abgehalten, das fliegende Regierungszentrum zu verlassen.

 

Im Reich selber angekommen, lernt Gulliver die wissenschaftliche Fakultät kennen und ihre so absurden wie erstaunlichen Forschungsgebiete. Hier kann man sich herrlich amüsieren über die einzelnen Beschreibungen, zum Beispiel der Sprachforscher, die dafür plädieren, möglichst wenig Worte zu verwenden, sondern die wichtigsten Utensilien bei sich zu tragen, um im Bedarfsfalle nur darauf zeigen zu müssen. Seine Reise zu den Unsterblichen entpuppt sich als Schreckensreise: was sich in der Theorie so verlockend anhört, zeigt in der Realität sein wahres Gesicht, wenn man sich vergegenwärtigt, was ewiges Leben bedeutet.

 

Seine letzte Station ist für Gulliver die Fahrt, die ihn am meisten prägen wird und die er als inzwischen Kapitän nach Afrika unternimmt. Dort trifft er auf die sogenannten Houyhnhnms, Pferde, die sich wie vernunftbegabte Menschen verhalten und menschenähnliche Kreaturen namens Yahoo, die sich wie instinktgesteuerte Tiere verhalten. Die Yahoos schrecken ihn derartig ab, dass er - zurück in England - sich in der Gesellschaft von Pferden deutlich wohler fühlt und mit Menschen nicht mehr viel anfangen kann.

 

Die Übersetzerin Christa Schuenke versetzt uns Leser behutsam sprachlich in die Zeit, in der Gulliver spielt: die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie verwendet typische Worte der Zeit und nutzt den entsprechenden Satzbau, wie sie selbst in einem Nachwort erklärt. Da sie aber selbst nicht in dieser Zeit mit dieser Art der Sprache aufgewachsen ist, findet man leicht ins Buch hinein und gewöhnt sich auch schnell an den Stil. Ich fand das Lesen am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, habe aber schnell hereingefunden.

 

Mir hat die Lektüre viel Spaß gemacht, ein herrliches Märchen für Erwachsene, über das ich auch ohne jede Anmerkungen gelesen zu haben, viel geschmunzelt habe.

 

Ich freue mich schon auf das Buchjahr 2018, das hoffentlich genauso gut wird wie 2017.

 

Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke

 

Details zum Buch:

Aus dem Englischen von Christa Schuenke
Mit Nachwort von Dieter Mehl
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 704 Seiten, 9,0 x 15,0 cm, 8 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-7175-2078-8
€ 28,00
Verlag: Manesse
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.