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Ein unvergänglicher Sommer von Isabel Allende

Während ich den neuen Roman von Isabel Allende lese, kann man meinem Gesicht  unterschiedlichste Gefühlsregungen entnehmen, zu dem der Mensch fähig ist: ich lächle versonnen vor mich hin, wenn Lucia und Richard umeinander kreisen, bekomme eine Zornesfalte, wenn ich über die Flucht der Menschen aus Lateinamerika in die USA lese, muss mit den Tränen kämpfen, wenn sich die Schicksale der drei Menschen ausbreiten, mit deren Hilfe Isabel Allende ihren neuen Roman erzählt. „Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein bewegendes Buch.

Lucia lebt in einer Souterrainwohnung in Brooklyn und ist unglücklich in ihren Vermieter und Boss Richard verliebt. Die 62-jährige kommt ursprünglich aus Chile und flieht vor dem Pinochet-Regime aus dem Land. Richard ist 60-jähriger Uni-Professor und holt Lucia eines Tages nach New York als Gastprofessorin an seine Uni. Sie wird gleichzeitig seine Mieterin, die ihm viel zu lebensfroh und laut ist. Er selber lebt zurückgezogen und quält sich mit Selbstvorwürfen, die mit seinen Erlebnissen in der Vergangenheit in Brasilien zu tun haben.

Und schließlich ist da noch Evelyn, die aus dem Trio eine Schicksalsgemeinschaft werden lässt. Sie kommt aus Guatemala und arbeitet illegal für einen dubiosen Mann und seine Familie als Kindermädchen für den behinderten Sohn. Als sie bei Schneetreiben unerlaubterweise mit dem Auto ihres Arbeitgebers zur Apotheke fahren will, rutscht Richard mit seinem Auto in ihren Kofferraum. Der Schaden ist nicht allzu groß, allerdings lässt sich der Kofferraum nicht mehr richtig schließen. Richard misst dem Ereignis nicht allzu viel Bedeutung bei, übergibt seine Versicherungskarte und fährt nach Hause. Doch kurze Zeit später steht Evelyn vor der Tür: in ihrem Kofferraum liegt nämlich die Leiche einer Frau. Richard ist dem Nervenzusammenbruch nahe und sucht Hilfe bei Lucia, die erst mal eine Runde Haschkekse verordnet, damit alle runterkommen und schlafen können. Wie praktisch, dass Richard immer welche auf Rezept im Haus hat.

Die skurrile Schicksalsgemeinschaft muss sich nun etwas einfallen lassen, wie sie die Tote loswird. Zur Polizei können sie mit Evelyn nicht gehen und die Aussicht auf die Bekanntschaft mit Evelyns Boss lässt die drei zu dem Schluss kommen, dass sie die Leiche selber entsorgen müssen. Die drei machen sich auf, um ihren Plan umzusetzen und finden auf dieser Reise zu sich selbst und zueinander.

Während sie reisen, erzählt Isabel Allende in Rückblicken von der Vergangenheit der drei, die in allen Fällen einfach nur grausam ist. Wie viel kann ein Mensch in seinem Leben ertragen, ohne dass er selber zerbricht? Diese Frage habe ich mir mehr als einmal gestellt. Warum fliehen so viele Menschen aus Südamerika in die USA? Isabel Allende beschreibt einige Motive dieser lebensbedrohlichen Flucht, die nicht weniger oft zum Tod führt als die Flucht über das Mittelmeer.

Von wirtschaftlichen Gründen sind Allendes Protagonisten weit entfernt. Gewalt und Verfolgung durch brutale Regime oder Banden zwingen Lucia und Evelyn zur Flucht. Und Richard flieht vor sich selbst und seiner Vergangenheit. Es gibt eben viele Gründe, zum Flüchtling zu werden.

Isabel Allende weiß, was es heißt, von einem Regime unterdrückt zu werden. Sie weiß auch, wie es ist, in den USA als Migrantin ein neues Leben anzufangen und ein Kind zu verlieren, so wie es Richard erlebt. Die Idee zu diesem Roman ist auch aus einem persönlichen Erlebnis entstanden: die späte Liebe zu ihrem jetzigen Lebensgefährten.

Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen und mich bestens unterhalten gefühlt. Für mich ist „Ein unvergänglicher Sommer“ Unterhaltungsliteratur im besten Sinne. Daher schließe ich mich gern Denis Scheck an, der in seiner aktuellen Sendung von „Druckfrisch“ den Roman mit einem „faulen Sonntag im Bett“ vergleicht und stimme seinem Satz: „…, aber zum Ausspannen lässt sich kaum Schöneres denken.“ uneingeschränkt zu. Eine unbedingte Leseempfehlung.

Ein aktuelles Video, in dem Isabel Allende über die Entstehung ihres neuen Romans und die weltweite Migrationsbewegung spricht, findet sich auf der Suhrkamp-Seite.

Vielen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Leseexemplar.

Eine lesereiche Zeit wünscht
Tanja Drecke

Details zum Buch:

Übersetzerin: Svenja Becker
Gebunden, 350 Seiten
ISBN: 978-3-518-42830-6
€ 24,00
Verlag: Suhrkamp
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.