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Olga von Bernhard Schlink

Auf Bücher von Bernhard Schlink freue ich mich immer besonders, da ich seinen schnörkellosen Erzählstil sehr schätze. Umso schöner, dass der Diogenes-Verlag mir den neuen Roman schon vorab zur Verfügung gestellt hat. Vielen herzlichen Dank! Heute kommt also nun Olga in die Buchhandlungen.

Der Roman erzählt die Geschichte von Olga Rinke in einer Zeitspanne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 21. Jahrhunderts. Im ersten Teil erfahren wir von Olgas Kindheit, die sie nach dem Tod ihrer Eltern in Pommern bei der wenig herzlichen Großmutter verbringt. Dort befreundet sie sich mit dem Geschwister-Paar Viktoria und Herbert, die die Kinder des reichsten Mannes im Dorf sind. Schon früh stellt Olga fest, dass den beiden Kindern andere Bildungsmöglichkeiten offen stehen als ihr. Doch statt daran zu verzweifeln, kämpft sie für ihren Traum, als Lehrerin zu arbeiten. In ihrer Kindheit schert die drei der Klassenunterschied nicht, aber als Viktoria im Teenager-Alter bewusst wird, dass Olga unter ihrem Niveau ist, versucht sie die Freundschaft zwischen Herbert und ihr zu torpedieren. Sie erreicht das genaue Gegenteil: Ihre Kritik an Olgas äußerlichem Erscheinungsbild lässt Herbert erst richtig hinschauen und feststellen, wie sehr er dieses Gesicht liebt. Diese Buchszene ist so unglaublich schön geschrieben, dass ich förmlich dahingeschmolzen bin. Das gesamte Buch ist so feinfühlig geschrieben und von solcher Zartheit. Olgas und Herberts Liebe wird von seinen Eltern natürlich nicht gut geheißen. Dennoch wird sie ein Leben lang und über den Tod hinaus Bestand haben.

Herbert flüchtet vor den Eltern zunächst in die Garnison, mit der er in die neuen deutschen Kolonien in Afrika zieht, um gegen die Herero zu kämpfen. Kaum wieder im Land, nutzt er die Erbschaft einer Tante, um zahlreiche Reisen zu unternehmen. Zwischen diesen Abenteuern findet er bei Olga einen sicheren Hafen, die ihm die Treue hält und ihn in seinem Freiheitsdrang zwar auch kritisiert, letztendlich aber weiß, dass sie ihn nur so und nicht anders haben kann. Während Herbert in der Welt unterwegs ist, arbeitet Olga als Lehrerin in einem kleinen Dorf. Sie bemüht sich immer wieder, Kindern eine höhere Bildung angedeihen zu lassen und setzt sich besonders für Eik ein, einem kleinen Jungen aus dem Dorf.

Als Herbert bei einer Expedition in die Arktis als verschollen gilt, wird Olga nicht müde, ihm postlagernd nach Norwegen zu schreiben. Olga wird kurz vor dem 2. Weltkrieg schließlich aufgrund einer Krankheit taub, so dass sie mit 53 Jahren aus dem Lehrbetrieb ausscheiden muss. Die Nazis sind an der Macht und auch Olga muss schließlich in den Westen fliehen. Hiermit endet der erste Teil und wir lernen Ferdinand, den Erzähler kennen, dessen Leben Olga nachhaltig berührt hat.

Olga ist eine sehr starke Frau, die sich durch ihre Schicksalsschläge nicht entmutigen lässt. Ihre Gefühle und ihr Alltag sind zentral in Bernhard Schlinks Roman, während Herbert eher diffus für den Leser bleibt. Er scheint für den Leser genauso abwesend wie für Olga selbst. Und diese Abwesenheit führt auch zu einer großen Distanz, die ich beim Lesen empfunden habe. Schlink benutzt einen sehr sachlichen Tonfall, so dass keine Nähe zu den Figuren aufkommt, ebenso als wenn mir jemand aus dem Leben einer mir unbekannten Person erzählt.

Olga und ihren Herbert verbindet eine ungewöhnliche Liebesbeziehung, in der beide versuchen, den anderen so zu akzeptieren wie er ist. Bernhard Schlink schaut als Erzähler genau hin, wenn es um Zwischenmenschliches und Zwischentöne geht. Ich habe den Roman sehr gerne gelesen und die Erzählweise von Bernhard Schlink genossen. Die Lesestunden vergingen mal wieder wie im Flug und ich war ein bisschen wehmütig als die Geschichte zu Ende war. Eine klare Leseempfehlung von mir.

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Leseexemplar.

Lesen Sie wohl!
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
Hardcover Leinen,
320 Seiten
ISBN: 978-3-257-07015-6
€ 24,00
Verlag: Diogenes

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