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Lied der Weite von Kent Haruf

Bernhard Schlink schreibt auf der Rückseite des neuen Buches von Kent Haruf, der letztes Jahr mit "Unsere Seelen bei Nacht"  einen Überraschungsbestseller gelandet hat: "Für mich ist er einer der großen amerikanischen Schriftsteller." Das kann ich nach der Lektüre von Lied der Weite gut verstehen. Kent Haruf ist leider 2014 verstorben. Er hat insgesamt sechs Romane geschrieben, die alle in dem fiktiven Ort Holt, Colorado, spielen.

Im Zentrum seines Romans Lied der Weite stehen sieben Personen der amerikanischen Kleinstadt. Sie geben auch den Kapiteln ihre Überschrift: Da ist zum einen Victoria, die mit 17 ungewollt schwanger und von ihrer Mutter deswegen vor die Tür gesetzt wird. In ihrer Not wendet sie sich an ihre Lehrerin, Maggie Jones, die ihr Unterschlupf gewährt. Doch der demente Vater von Maggie kommt mit der neuen Mitbewohnerin nicht klar und greift sie sogar tätlich an. Unaufgeregt findet Maggie eine neue Lösung: Victoria soll bei den Brüdern Raymond und Harold McPheron einziehen. Die  beiden alten Viehzüchter bewirtschaften seit ihrer frühesten Jugend zusammen die Farm, nachdem ihre Eltern ums Leben gekommen sind. Für sie gab es immer nur Raymond, Harold, die Farm und die Tiere. Umso überraschter sind sie über den Vorschlag von Maggie, über den sie erst einmal nachdenken müssen. Schließlich entscheiden sie sich dafür und nehmen das schwangere Mädchen auf. Mit feinem Humor beschreibt Kent Haruf die Versuche der beiden Einsiedler, Gespräche mit Victoria zu führen und ihre Bedürfnisse als Jugendliche herauszufinden.

 

Parallel wird die Geschichte des Lehrers Tom Guthrie erzählt, der mit seinen beiden 9 und 10-jährigen Söhnen, Ike und Bobby, zusammenlebt, nachdem die depressive Mutter nach Denver zur Schwester geflüchtet ist. Die beiden Jungs sind mehr oder weniger auf sich allein gestellt, kümmern sich um die Pferde, tragen Zeitung aus und helfen im Haushalt. Sie erleben Verstörendes, haben aber nur sich selbst, um diese Ereigenisse zu verstehen und zu verarbeiten. In Iva Stearns, einer alten Frau, der sie die Zeitung liefern, finden sie eine Freundin, die sie ab und an besuchen. Und auch die McPheron-Brüder werden ihnen eines Tages zur Zuflucht.

 

Kent Haruf ist ein Erzähler, der einen Blick für das Ungewöhnliche im ganz normalen Leben hat und der ein großes Herz für die Menschen besitzt. Seine Erzählweise lässt Bilder im Kopf entstehen, so dass parallel der Spielfilm gleich mitläuft. Liebe, Angst, Freundschaft, Verlust, Nächstenliebe und Menschlichkeit sind seine Themen. Dieser Roman hat mich sehr berührt, mehr als einmal standen mir beim Lesen die Tränen in den Augen. Besonders die beiden alten Männer, Raymond und Harold, mit ihrer unbeholfenen, rührenden Art sind mir ans Herz gewachsen. Genauso wie ich auch mit Ike und Bobby mitgelitten habe. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung von mir, und ein toller Start in das Lesejahr 2018.

 

Vielen Dank an den Diogenes-Verlag für das Leseexemplar!

 

Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke

 

Details zum Buch:

aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Hardcover Leinen, 384 Seiten
ISBN: 978-3-257-07017-0
Verlag: Diogenes
€ 24,00
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.