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Kleines Land von Gaël Faye

Gaël und Gabriel haben vieles gemeinsam. Wie seine Romanfigur, aus deren Perspektive wir Kleines Land  lesen, wurde Gaël Faye in Burundi geboren und musste 1995 aufgrund des Bürgerkrieges von dort fliehen. Auch er war der Sohn einer ruandischen Mutter und eines französischen Vaters. Inzwischen lebt der Autor mit seiner Familie in Kigali, Ruanda.  Es steckt also viel Autobiografisches in dieser farbenprächtigen und eindringlichen Geschichte.

Gabriel, den alle Gaby nennen, wächst als privilegiertes Kind rundum behütet in einem Anwesen mit Bediensteten in einer Sackgasse in Burundis Hauptstadt Bujumbura auf. Wir befinden uns in den 90er Jahren, und Gaby ist 10 Jahre alt. Sein Vater ist Unternehmer, seine Mutter kümmert sich um die Kinder. Zusammen mit seinen vier engsten Freunden erlebt er eine unbeschwerte Kindheit, in der sie Mangos klauen, im Fluss baden und ihr Hauptquartier in einem alten VW Bus aufgeschlagen haben. Doch diese heile Welt bekommt nach und nach Risse als sich die Eltern trennen und im Land Unruhen zwischen Hutu und Tutsi nach der ersten demokratischen Wahl ausbrechen. Lange Zeit versucht Gaby seine Version der Welt aufrechtzuerhalten. Als er erkennt, dass es diese Version nicht mehr gibt, flüchtet er sich zunächst in die Welten verschiedener Bücher einer griechischen Nachbarin. Doch auch diese Flucht wird jäh beendet, als der Hass die Freunde infiziert und auch vor dem Gartentor der Familie nicht mehr Halt macht. Schließlich hilft nur noch die Flucht ins sichere Frankreich. Doch die Sehnsucht nach der Heimat zehrt an Gaby „Ich bin besessen von meiner Rückkehr.“ Schreibt er auf Seite 10, bevor er uns in seine Vergangenheit als Junge in Burundi mitnimmt.

Der auf den ersten Seiten des Buches beschriebene Dialog zwischen Vater und Sohn macht das ganze Ausmaß des sinnlosen Konfliktes zwischen den beiden Volksgruppen überdeutlich. Nachdem Gaby seinen Vaters bereits gefragt hat, warum es den Krieg zwischen Hutu und Tutsi überhaupt gibt, wenn sie denn im selben Land wohnen, die dieselbe Sprache sprechen und den gleichen Gott haben, ist die Antwort des Vater „Weil sie nicht die gleiche Nase haben.“ Aber Gabriel merkt schnell, dass die Klassifizierung der Menschen allein durch ihre Nase keinen Sinn macht. Gaël Faye schreibt viele kluge Sätze in seinem Roman. Er ist 1982 geboren und hat doch schon so viel Erkennen müssen. Das merkt man dieser Geschichte deutlich an. „In der Zeit des Glücks antwortete ich auf die Frage „Wie geht’s?“ immer mit „Gut!“. Einfach so, zack. Das Glück erspart einem das Überlegen.“, stellt Gaby auf Seite 17 fest. Nach allem, was dann mit den Menschen geschah, konnte die Antwort nur noch „Geht so“ sein.

Ich bin von diesem Buch sehr beeindruckt. Es liest sich spannend wie ein Krimi. Ist an Dramatik kaum auszuhalten und lässt Afrika vor dem geistigen Auge erstehen mit all seinen Farben, Gerüchen und Tieren. Und es ist ein Buch, das einen nachdenklich zurücklässt, tief bewegt von den unvorstellbaren Erlebnissen, die Gaby und diese Region während des Bürgerkrieges in Ruanda und Burundi aushalten müssen. Es mögen sich schon viele Nachrichten aus meinem Gedächtnis verabschiedet haben, die Bilder des archaischen Konfliktes zwischen Hutu und Tutsi ist mir so präsent wie damals. Von einer Kindheit im Licht dieser Ereignisse erzählt uns Gaël Faye und findet die richtigen Worte für Unaussprechliches.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für diesen hochaktuellen, poetischen Roman. Einen Blick ins Buch bietet der Piper-Verlag auf seiner Seite, dem wir für das Leseexemplar an dieser Stelle sehr herzlich danken.

Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Übersetzt von: Andrea Alvermann, Brigitte Große
224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
€ 20,00
ISBN: 978-3-492-05838-4
Verlag: Piper
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.