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Kennen Sie eigentlich Frey & McGray?

Der zweite Teil dieses ungleichen Ermittlerduos aus dem viktorianischen England ist gerade Mitte Januar erschienen. Mir war diese Serie bisher nicht bekannt, wurde aber sofort vom Cover, Titel und Klappentext geködert. „Der Fluch von Pendle Hill“ ist eine rasante Jagd auf einen Mörder, dessen Antrieb verständlich ist, auf Hexen, die man Fürchten lernt, und andere, die man sympathisch findet. Der Krimi startet mit einem Rückblick aus dem Jahr 1624 und die Hinrichtung von sechs Hexen durch den Strang  in der Gegend um Pendle Hill. Doch noch bevor sie tot sind, verfluchen sie Lord Ambrose und seine gesamte Sippschaft, die für ihren Tod verantwortlich zeichnen. Darauf folgen zwei Episoden aus dem Jahr 1882 und 1883, in denen wir die Vorgeschichte zum eigentlichen Fall erfahren: die Einweisung von Lord Ardglass auf Wunsch seiner herrischen Mutter und Pansy, der Schwester von McGray, nachdem sie ihre Eltern umgebracht hat.

Die Hexenprozesse in der Nähe des Pendle Hill in Lancashire hat es tatsächlich gegeben und gehören zu den am besten dokumentierten in der englischen Geschichte. Hexenprozesse waren in England selten, daher erregten diese schon damals großes öffentliches Interesse. Der Autor, Oscar de Muriel, schreibt in seinem Nachwort, dass er selber zwei Jahre in der Nähe des besagten Berges gewohnt hat. Daher die Idee zu diesem Fall, den Fry und McGray lösen müssen.

Ian Fry ist Engländer, der mehr oder weniger strafversetzt wird ins von ihm verhasste Schottland. In Edinburgh wird er dem ungehobelten Schotten McGray unterstellt, der ihn auch gerne mal als Mädchen (und Schlimmeres) tituliert und bei dem Fry zu allem Überfluss auch noch wohnen muss. Fry arbeitet dort in einer neu gegründeten „Kommission zur Aufklärung ungelöster Fälle mit mutmaßlichem Bezug zu Sonderbarem und Geisterhaftem“. Während McGray eine hohe Affinität zum Okkulten besitzt und allerlei Material darüber gesammelt hat, hält Fry das alles für ausgemachten Humbug. Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte.

Bis auf die Rückblicke am Anfang wird der Krimi aus Sicht von Fry geschildert und beginnt am 01.01.1889. Der leicht verweichlichte Dandy liefert sich herrliche Beschimpfungstiraden mit seinem schottischen Kollegen. McGray ist ein ungehobelter Kerl, der eine Unzahl von unflätigen Worten kennt, schnell aus der Haut fährt und auch nicht davor zurückschreckt, seinen Vorgesetzten zu verprügeln. Für ihn gilt: harte Schale, weicher Kern. Seine ganze Liebe gilt seiner Schwester, die seit ihrer Einweisung in die Irrenanstalt kein Wort mehr gesprochen hat.

McGray und Fry werden in eben dieses Irrenhaus gerufen. Ein bestialischer Mord an einer Krankenschwester ist dort geschehen. Der Hauptverdächtige ist Lord Ardglass, der nach der Tat aus der Anstalt geflohen ist. Als eine der Schwestern McGray erzählt, dass seine Schwester mit Lord Ardglass einige Worte gesprochen haben soll, ist dieser wie besessen davon, seiner Lordschaft habhaft zu werden. Als dieser und eine weitere Krankenschwester nach Lancashire in England fliehen, folgen die beiden Inspectors Hals über Kopf. Doch ihre Widersacher sind ihnen immer einen Schritt voraus, nicht zuletzt weil die beiden Gesetzeshüter Opfer „magischer“ Machenschaften am eigenen Leib erfahren. Beide springen dem Tod mehr als einmal von der Schippe und decken ein unglaubliches Netzwerk schwarzer Magie auf.

Für Inspector McGray ist sofort klar, wohin sich Lord Ardglass und die Hexen begeben werden: nach Pendle Hill, und genau dorthin will er ihnen auch folgen. Als Fry versucht, ihn davon abzuhalten und ihm klar zu machen, dass dies die Zuständigkeit der englischen Behörden ist, scheut McGray nicht davor zurück, ihn zu einer Weiterreise zu zwingen. Die rasante Jagd hält für den Leser unerwartete Wendungen bereit, die die Hintergründe immer weiter aufdecken. Im Gegensatz zu vielen anderen Krimis konnte ich hier lange nicht durchschauen, wie sich alles zusammenfügen wird. Und durch das Nachwort wird klar: so ganz abwegig ist die ganze Geschichte gar nicht.

Oscar de Muriel ist zwar in Mexico City geboren, lebt aber schon lange in England, was man seinem Schreibstil definitiv anmerkt. Sein Doktor der Chemie ist eindrucksvoll in die Praktiken der Hexen eingeflossen, wie er es im Nachwort auch noch einmal beschreibt. Natürlich liegt es immer nahe, Ermittlerduos aus der Zeit mit Sherlock und Watson zu vergleichen, aber Fry und McGray haben ihren eigenen, nicht weniger unterhaltsamen Stil.

Das Lesejahr 2018 gestaltet sich weiter hervorragend. Ich freue mich schon auf den nächsten Band über das Ermittlerduo. Oscar de Muriel ist mit „Der Fluch von Pendle Hill“ ein rasanter, humorvoller und unheimlicher Krimi gelungen, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Uneingeschränkte Leseempfehlung für alle Fans historischer Krimis aus dem viktorianischen England.

Wer Lust hat, kann zusätzlich ein Ebook herunterladen, das zwischen dem ersten und den zweiten Band spielt und der Goldmann Verlag kostenlos zur Verfügung stellt.

Vielen Dank an den Goldmann-Verlag für das Leseexemplar!

Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
Aus dem Englischen von Peter Beyer
Taschenbuch, Broschur, 512 Seiten
ISBN: 978-3-442-48506-2
€ 10,00
Verlag: Goldmann
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.