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Die Europäer von Henry James

Im letzten Jahr haben wir unseren Leserinnen und Lesern bereits „Die Kostbarkeiten von Poynton“ aus der Feder von Henry James ans Herz gelegt. Heute stellen wir die romantische Komödie „Die Europäer“ vor, die ca. 1850 in den USA, genauer gesagt in Boston spielt. Der Penguin Verlag hat im Dezember letzten Jahres das Taschenbuch herausgebracht. Im Manesse-Verlag gibt es den Klassiker auch im Schmuckband. Das Geschwisterpaar Eugenia und Felix reisen aus dem fernen Europa an, um ihre puritanischen Verwandten, die Wentworth, zu besuchen. Auf der Suche nach einer guten Partie lernen die beiden ihren Onkel und seinen kleinen Kreis kennen, der sich aus ihren beiden Cousinen Charlotte und Gertrude, ihrem Cousin Clifford, einen Cousin des Onkels und seiner Schwester sowie Mr. Brand, einen Geistlichen, zusammensetzt. Es prallt die Alte Welt Europas mit ihrer lockeren Moral und Kultiviertheit auf die Neue Welt Amerikas mit ihrem puritanischen Fleiß und ihrer Prüderie, wechselseitig fasziniert voneinander.

Henry James ist ein feiner Beobachter, der durch einen nicht näher beschriebenen Erzähler die Charaktere und ihre zwischenmenschlichen Interaktionen beschreibt. Ein Gesellschaftsroman, der eindrucksvoll mit Wahrheit und Lüge spielt. Der schonungslos und mit feinem Humor die Eitelkeiten und egoistischen Motive seines Handlungspersonal aufzeigt.

Eugenia beeindruckt die Familie allein schon durch die Tatsache, dass sie mit Prinz Adolf von Silberstadt-Schreckenstein in morganatischer Ehe lebt, die allerdings aufgelöst werden soll. Eine morganatische Ehe ist eine Ehe unter Stand, in der eine Bürgerliche einen Adeligen heiratet. Ihr wird dann ein niedrigerer Titel zugesprochen, so dass Eugenia keine Prinzessin ist, sondern nur Baronin. Diese ungewöhnliche Konstellation macht sie für die bodenständige Familie Wentworth noch glamouröser und interessanter. Die zweite kluge Frau in Henry James Roman ist Gertrude Wentworth, die durch den Besuch der Verwandtschaft das Gefühl hat, endlich befreit zu werden und sie selbst sein kann. Der ihr sehr zugetane Mr. Brand sieht es nicht gern, dass sich Gertrude immer mehr mit Felix einlässt, der als Künstler und Bohemien alles das verkörpert, was in der neuen Welt skeptisch gesehen wird. Felix ist ein fröhlicher Charakter, der immerzu gute Laune hat und lächelnd der Welt begegnet. Ihm fällt daher die Ernsthaftigkeit der Verwandtschaft besonders auf und versucht, ihnen etwas von seiner Lebenslustigkeit abzugeben. Ein Grund, warum er Gertrude so sehr gefällt.

Auch Gertrudes Schwester Charlotte und ihr Vater sehen die entstehende Verbindung der beiden äußerst ungern, wobei Charlotte nicht wirklich mit offenen Karten spielt, wie sich später herausstellen wird. Während sich dennoch alles für den Luftikus Felix prima entwickelt, läuft es für Eugenia nicht so rund. Ihre Bekanntschaft mit Robert Acton, der bereits erwähnte Cousin ihres Onkels, intensiviert sich zwar zunehmend, aber er erliegt auf der einen Seite seiner Faszination für die Baronin, traut ihr aber andererseits nicht so richtig über den Weg, ist sogar der Meinung, dass sie des öfteren lügt. Blieben noch die beiden jungen Leute Clifford und Lizzie (die Schwester von Robert Acton), von denen alle denken, dass sie verlobt sind, es aber nicht sind. Clifford ist von seinen Studien in Harvard suspendiert worden, da er dem Alkohol zu sehr zugesprochen hat. Er hat somit eigentlich andere Sorgen, als sich um Lizzie zu bemühen. Bleibt die Frage, ob die beiden dennoch zueinander finden können. Am Ende löst sich dann alles auf, wer mit wem oder auch nicht in die Zukunft gehen wird.

Henry James wurde 1843 in New York geboren und starb 1916. Er verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf Reisen und in Europa. Seinen Ruf als Meister der psychologischen Erzählkunst erschrieb er sich mit zwanzig Romanen und über hundert Erzählungen.

Ich bin ja ein Fan der alten amerikanischen und englischen Klassiker geworden, nicht nur, weil es sich um gute Unterhaltung handelt, sondern einen Einblick in die Gesellschaft der damaligen Zeit jenseits von Geschichtsbüchern bietet. Insofern habe ich auch „Die Europäer“ sehr gern gelesen. Ich fände es übrigens schön, wenn es in der heutigen Zeit mehr Menschen geben würde, die genauso selbstverständlich wie Felix auf Seite 113 den Satz „ich bin Europäer“ über die Lippen bringen würden. Damit hätten wir eine Vielzahl von Problemen weniger.

Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe, für alle, die erst einmal testen wollen, ob Henry James etwas für sie sein könnte und sie sich eventuell dem Urteil der ZEIT anschließen möchten, welches auf dem Einband abgedruckt ist: "Ein Leben ohne Henry James ist möglich, aber sinnlos."

Vielen Dank an den Penguin-Verlag für das Leseexemplar.

Lesen Sie wohl

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Aus dem Englischen von Andrea Ott
Taschenbuch, Broschur, 240 Seiten
ISBN: 978-3-328-10139-0
€ 12,00
Verlag: Penguin
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.