Der Abfall der Herzen von Thorsten Nagelschmidt

Dieses Buch katapultiert die Leser in ihre Jugendzeit zurück. So ist es mir jedenfalls gegangen. Thorsten Nagelschmidt geht als Thorsten Nagel auf Spurensuche in das Jahr 1999. Er wählt dafür eine ungewöhnliche Form, in dem er uns Leser mitnimmt auf seine Zeitreise, die in Teil I „Ende“ mit einer simplen Frage an seinen Freund Sascha beginnt: „Sag mal, wie war das eigentlich damals – wann hast du aufgehört, mich zu hassen?“ (S. 9). Als der befragte Sascha an einer Bar in Berlin darauf antwortet, dass der damals geschriebene Brief der Auslöser war, kann sich Thorsten Nagel nicht mehr an diesen erinnern. Die Neugier ist geweckt. Zuhause angekommen, geht er sofort auf die Suche nach der Erinnerung, in dem er seine Tagebücher von damals bemüht. Und so steigen wir gemeinsam mit ihm ein in den April 1999, als der Autor 22 Jahre alt war. Wir finden uns in Rheine wieder mit einer Clique Jugendlicher, die zusammen wohnt, abhängt, sich betrinkt und gemeinsam Musik macht. Wir lernen Thorstens Mitbewohner kennen: Da ist zum einen Richter, der gerne mal einen Joint raucht, den Thorsten Nagel aber als korrekt und soldatisch beschreibt. Das genaue Gegenteil ist Tommy, der Chaot in der Dreier-WG, der im Second-Hand-Laden seiner Eltern jobbt.

Der Autor ist gerade von seiner Freundin Nina für „Kiffer-Timo“ verlassen worden, kann und will diese Tatsache aber nicht wirklich akzeptieren. Immer wieder kommt ein Ereignis in diesem Sommer zur Sprache, das alles veränderte, dessen Auflösung aber natürlich erst am Ende des Buches erfolgt. In der Gegenwart recherchiert Thorsten Nagel für seinen neuen Roman, denn er ist natürlich Autor geworden. Sein neuer Roman soll von einem Ehepaar handeln, das sich mittels Antidepressiva auf Kuba permanent aus dem Leben schießt. Die Formulierungen sind zum Teil einfach nur herrlich „Wegsediert im Bändchenpuff“ (S. 54) ist eine meiner Lieblinge, die Nagelschmidt für sein Ehepaar im All-inclusive-Club auf Kuba schreibt. Auf Seite 87 erzählt er seiner Ex-Freundin Kiki bei einem Glas Wein, wie sehr ihn das Genre des Romans langweile, und er viel lieber Tagebücher etc. in letzter Zeit lese. Der Beginn einer Idee für den eigenen autobiografischen Roman, den wir gerade selber in der Hand halten.

Ich finde, dass der Autor ein gutes Händchen für Formulierungen hat, die das Alltägliche betreffen. Auf Seite 89 stellt er im Gespräch mit Kiki fest, dass er nur von sich erzählt und fragt sie endlich nach ihrem Vorankommen „…beende ich mein Selbstgespräch unter vier Augen,…“. Als er das Ehepaar auf Kuba verwirft und sich für seinen Sommer 1999 entscheidet, zieht er sich in die Datsche eines Freundes am Zeschsee zurück. „Ich werfe mich an die Wand und schaue, ob etwas kleben bleibt.“, beschreibt er seine Recherchen in der Vergangenheit auf Seite 101. Der Schreibstil und die Neugier, was noch alles im Sommer 1999 passiert ist, haben mich den Roman weiterlesen lassen. Dabei bin ich selbst auf Spurensuche in meinen Erinnerungen gegangen, was ich denn wohl im Sommer 1999 so alles getan habe.

Durch den Wechsel zwischen Gegenwart (die auch im Präsens geschrieben ist) und Vergangenheit (in der entsprechenden Zeitform) liest sich der Roman sehr kurzweilig, dennoch war ich mir nicht sicher, ob das Konzept auf über 440 Seiten tragen würde. Aber Thorsten Nagelschmidt lässt sich für seine Leserinnen und Leser etwas einfallen: In Teil II „Anfang“ trifft sich der Autor mit seinen Freunden von damals, um sie zu bestimmten Ereignissen zu interviewen und um Fotos zu finden, mit denen er seine Aufzeichnungen abgleichen kann. Das hat etwas Drehbuchartiges, das mich von Kapitel zu Kapitel getrieben hat. Und hier kommen wir auch auf den Kern des Romans: Die eigenen Erinnerungen und ihre nicht vorhandene Übereinstimmung mit der Realität: An was erinnere ich mich, wie erinnere ich mich, was schreibe ich wie auf, wenn ich im Hinterkopf habe, dass das Geschriebene von jemandem gelesen werden könnte. Immer wieder trifft Thorsten auf Erinnerungen seiner Freunde, die so gar nicht mit seinen Aufzeichnungen übereinstimmen. Unsere Wahrnehmung ist eben geprägt von den eigenen Erfahrungen, dem eigenen Erleben und natürlich dem Wunsch, möglichst bei jeder Erinnerung in einem guten Licht zu stehen.

Mich hat das Buch an meine Jugendzeit erinnert: An die wilden Partys, die unendlich viele Zeit zum Rumhängen und die kleinen Liebesdramen. Es ist der Sound der Jugend, hier noch umso mehr, da Thorsten in einer Band mit Guido, Robin und Hannes spielt. Der Sound von Punk und Hardrock. Die Verachtung für den Mainstream-Rock, um sich ja von all den „normalen“ abzuheben. Die große Frage nach Identität durch die Zugehörigkeit zu einer Clique, einer Gruppe, die uns in jungen Jahren so sehr beschäftigt.

Den kürzesten Teil bildet Teil III „Splitter“, in dem es um das große Treffen mit Sascha geht. Sascha ist der Freund, dem er die Freundin ausspannt: Laura. Nicht nur Sascha ist darüber wütend, sondern auch das Umfeld der beiden reagiert wie es sich für einen solchen Verrat gehört: mit Ausgrenzung. Den Höhepunkt findet die Wut von Sascha darin, dass er seinen Kopf in den Glaseinsatz der Wohnungstür von Lauras WG rammt und ins Krankenhaus muss. „Broken Windows“ (S. 432), Splitter aus Glas und Erinnerungssplitter machen das letzte Kapitel aus. Sascha und er versöhnen sich nach einem Jahr wieder und landen schließlich später beide in Berlin. Heute hat er zu ihm den engsten Kontakt von seinen Freunden.

 

Thorsten Nagelschmidt ist 1976 im Münsterland geboren und arbeitet als Autor, Musiker und Künstler. Bis 2009 war er Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter. Unter dem Namen Nagel veröffentlichte er die Bücher »Wo die wilden Maden graben« (2007), »Was kostet die Welt« (2010) und »Drive-By Shots« (2015). Heute lebt er in Berlin. Wer ihn live erleben möchte, kann das am 18.04.2018 im Uebel & Gefährlich, Feldstraße 66 in Hamburg.

Lesen Sie wohl!
Ihre Tanja Drecke

 

Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Leseexemplar.

Details zum Buch:

448 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-10-397347-1
€ 22,00
Verlag: S. FISCHER
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