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Der Zopf von Laetitia Colombani

Smita – Giulia – Sarah – Indien – Italien – Kanada: Drei Frauenschicksale auf drei verschiedenen Kontinenten, deren Lebenswege sich miteinander verbinden, ohne dass sie davon je erfahren werden.
Da ist die unberührbare Smita, die mit ihrer Tochter und ihrem Mann in einem Dorf in Indien lebt und als Scavenger arbeitet. Scavenger, das sind Menschen, die mit bloßen Händen die Plumpsklos der höheren Kasten säubern müssen. Eine unfassbare Vorstellung, jeden Tag zu einer solchen Arbeit aufstehen zu müssen, vor allem in dem Wissen, dass sich die nachfolgenden Generationen durch Nichts aus diesem Schicksal befreien können. Um ihrer Tochter dieses Schicksal zu ersparen, versucht Smita alles und opfert letztendlich ihre Haare dem Gott Vishnu. Übrigens, diese Menschen gibt es noch heute in Indien. Ich war erschüttert, dass es einer Demokratie wie Indien mit einem Wirtschaftswachstum von über 6 % nicht schafft, eine solche Tätigkeit zu unterbinden, obwohl es schon lange die entsprechenden Gesetze gibt. Es gibt zu dem Thema auch eine Dokumentation „Behind the Open Doors“. Auch das Schicksal der Witwen in diesem Land oder die brutale Gewalt gegen Frauen hat mich geschockt hinterlassen.

Die zweite starke Frau in diesem Buch lebt in Süditalien und heißt Giulia. Auch sie bricht mit den Konventionen des erzkatholischen, männerdominierten Süden Italiens. Als ihr Vater ins Koma fällt geht es um das Überleben seiner Perückenfabrik, die schon kurz vor dem Ruin steht. Aber es geht auch um ihre Emanzipation von den Erwartungen ihres Umfeldes und das Ausbrechen aus den zugedachten Rollen einer Frau in Süditalien.

Sarah verkörpert in Kanada den Karrieretyp der westlichen Frau: Alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, erfolgreiche Anwältin, die ihre Leben nur durch die Unterstützung von „Magic Ron“ organisiert bekommt, der auf die Kinder aufpasst, wenn Sarah arbeitet und diese mehr sieht als die eigene Mutter. Bis die Bombe platzt: Sarah erkrankt schwer und muss lernen, dass sie so in der Berufswelt nicht mehr willkommen ist.

Auch wenn Laetitia Colombanis Roman vorhersehbar ist, vermag sie es dennoch, geschickt die drei Handlungsstränge zu einem gemeinsamen Ende zu führen. Die Frauen in ihrem Roman versuchen aus den gesellschaftlichen und religiösen Zwängen ihrer Länder auszubrechen, erfahren dabei wenig bis keine Unterstützung. Es ist ein einsamer Kampf gegen Männer und auch Frauen, die als mitleidlose Nachbarinnen, kuppelnde Mütter oder blutleckende Arbeitskonkurrentinnen auftreten. Es ist also nicht so sehr der Geschlechterkampf, sondern eher der Kampf derjenigen, die „anders“ sind, den die Autorin in ihrem Buch beleuchtet. Und wie schwer es in allen Gesellschaften ist, anders zu sein. Für mich war Smita die eindrucksvollste Protagonistin und ein Anlass, mich mit dem Schicksal von Frauen in Indien  näher zu beschäftigen.

 

Eine Lesung und ein Gespräch mit Laetitia Colombani findet am 18.04,2018, 20:00 Uhr in der Buchhandlung Lüders in Hamburg statt:
Französisch-deutschsprachige Veranstaltung
Moderation: Isabel Kupski
Deutscher Text: Sandra Quadflieg

Buchhandlung Lüders
Heußweg 33
20255 Hamburg
Veranstalter: Buchhandlung Lüders


Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Leseexemplar.

Lesen Sie wohl!
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Hardcover
Übersetzt von: Claudia Marquardt
20,00 €
ISBN: 978-3-10-397351-8
Verlag: S. Fischer
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.