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Äquator von Antonin Varenne

Dies war mein erster Roman von Antonin Varenne, dementsprechend gespannt war ich auf die Abenteuergeschichte von Pete Ferguson, der auf der Suche nach sich selbst quer durch Amerika 1871 bis 1875 reist. Die Romane des Autors „Die Treibjagd“ und „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ waren sehr erfolgreich. Arthur Bowman spielt auch in seinem neuen Roman eine Nebenrolle, denn Pete Ferguson und sein Bruder finden auf der Ranch von Bowman Zuflucht, als sie als Deserteure Unterschlupf suchen. Doch nun ist Pete auf der Flucht vor dem Gesetz, denn er wird beschuldigt einen Mann im Streit umgebracht zu haben. Es ist die Zeit der Cowboys, der Siedler, des Eisenbahnbaus sowie der systematischen Vernichtung der Indianer und ihrer Lebensgrundlage, der Bisons.

Der jähzornige Pete gerät immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und so verwundert es nicht, dass er bald auch wegen Brandstiftung und Mordes gesucht wird, auch wenn Petes Motive eher die Zustimmung der Leser findet als dass man ihn verurteilt. Das liegt vor allem daran, dass Varenne seinen Helden zwar als einen zerrissenen Charakter voller Wut beschreibt, ihm aber auch eine gute, gerechte und sensible Seite gibt, dessen Vergangenheit Kerben in seiner Haut hinterlassen hat:
„Während er sich am Zügel des Mustangs festhielt, um sich aufzurichten, war es, als spürte er alle Schmerzen, alle Schläge, alle Brüche und alle Stürze seines Lebens auf einmal. Den Huf einer Kuh auf seinem Bein, den Planwagen, der auf ihn gefallen war, den Rückstoß vom Gewehr seines Vaters, als er damit das erste Mal geschossen und sich dabei den Arm ausgekugelt hatte, die Prügel des Alten.“ (S. 104)

Als er mit den Bisonjägern unterwegs ist, lauscht er ihren Geschichten am Lagerfeuer. Dort erfährt er vom sagenhaften Land Äquator, in dem die Welt Kopf steht und die Flüsse aufwärts fließen. Auch wenn Pete weiß, dass es dieses Land nicht wirklich gibt, wird es doch sein Antrieb für eine Irrfahrt die ihn von den Great Plains nach Mexico, Guatemala, Guayana führt und schließlich in Brasilien ankommen lässt. Diese Reise zu sich selbst lässt ihn mehr als einmal fast sterben. So sehr er sich auch bemüht, seiner Vergangenheit zu entfliehen, seine Dämonen zu bekämpfen und sich so weit wie möglich von seinen Wurzeln zu entfernen, sich selbst kann er nicht entkommen, denn egal wie weit er auch läuft, er nimmt sich dahin immer mit. Seine Mitte / seinen Äquator zu finden, erreicht er erst dann, als er aufhört wegzulaufen und sich nach Innen wendet.

Eine der schönsten Stellen war für mich der Brief, den Pete in seinem Tagebuch an Maria schreibt. Er erklärt ihr seine Tätowierung, die er sich von einem alten Seemann in Guayana über Wochen stechen lässt: Eine Pflanze, die mit der Wurzel einer Distel an seinem Fuß beginnt und über den gesamten Körper wächst, bis sie schließlich hinter seinen Ohren endet. In die Pflanze lässt er sich die Namen der Menschen eintätowieren, an die er denkt und die er in seinem Tagebuch zum Sprechen bringt.  Ich fand die Idee so wunderschön und die poetische Beschreibung hat mich sehr gerührt:

Auf meinen Fuß wurzelt eine Distel. Das ist das Emblem unserer Erde, des Landes, aus dem meine Eltern stammen. Die Legende erzählt, Wikinger aus Norwegen, die gekommen waren, um das schottische Dorf Largs anzugreifen, hätten ein Distelfeld überquert, und einer von ihnen, der barfuß lief, habe sich daran gestochen, habe geschrien und somit Alarm geschlagen; die Schotten wären aufgewacht und hätten die Schlacht gewonnen.“ (S. 343)

Die Lüge ist ein roter Seeigel. Sie sticht und vergiftet jene, denen ich die Hand ausstrecke, verletzt mich, wenn ich vor Wut die Faust balle.“ (S. 346)

Antonin Varenne hat eine Geschichte geschrieben, die Abenteuerfahrt, Entwicklungsroman und Liebesgeschichte gleichermaßen ist. Er geht schonungslos mit den dunklen Seiten der amerikanischen Siedlungsgeschichte um, wenn er über das Abschlachten der Bisons schreibt (eine Passage, die mich an den Rand des Erträglichen gebracht hat), die Entführung von Indianerkindern oder das Sterben der Indios in Lateinamerika. Sein Schreibstil ist leicht zu lesen und die 426 Seiten fliegen nur so dahin. Man muss das rauhe Leben mit all seiner Brutalität gegenüber Mensch und Tier beim Lesen abkönnen, ähnlich wie bei alten Western. Ein Menschenleben galt damals nicht viel. Das Ende könnte das Thema „Was ist Heimat“, „Wo sind meine Wurzeln“ nicht besser abschließen, aber mehr verrate ich natürlich nicht.

Gut gefallen hat mir auch, dass der Autor die Personen und Erlebnisse aus Petes Vergangenheit durch seine Tagebucheinträge lebendig werden lässt. Dadurch werden keine Rückblicke im eigentlichen Sinne eingebaut. Das Cover mit seinem einsamen Cowboy zu Pferd vor der düsteren Bergkulisse hätte besser nicht gewählt sein können und hat mich auf das Buch aufmerksam gemacht.

Man merkt dem Roman an, dass auch Antonin Varenne ein Abenteurer ist. Im Infotext des Verlages wird berichtet, dass der 1973 in Paris geborene studierte Philosoph Hochhauskletterer und Zimmermann gewesen ist. Er arbeitete in Island, Mexiko und in den USA. Sein Roman ist laut Danksagung bei Freunden in Guayana geschrieben worden. Die eindrucksvollen Beschreibungen der Landschaft, die Pete Fergusson durchreist, zeugen von der Kenntnis dieser Landstriche des Autors.

Ich werde auf jeden Fall „Die sieben Leben des Arthur Bowman“ lesen und bin gespannt auf den nächsten Roman von Antonin Varenne. Ein absolut lesenswertes Buch!

Vielen Dank an den Verlag C. Bertelsmann für das Leseexemplar!

 

Lesen Sie Wohl!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Aus dem Französischen von Michaela Meßner
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 432 Seiten

ISBN: 978-3-570-10340-1

€ 20,00

Verlag: C. Bertelsmann

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