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Unterleuten von Juli Zeh

Endlich habe ich es geschafft, den Erfolgsroman von Juli Zeh zu lesen (in der Taschenbuchausgabe, die es seit Ende letzten Jahres gibt und die uns der btb-Verlag netterweise zur Verfügung gestellt hat). Die Story ist schnell erzählt: Ein kleines Dorf in Brandenburg soll zum Standort eines Windparks werden. Darüber erhitzen sich die Gemüter und alte Wunden zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern brechen wieder auf. Die Zugezogenen verfolgen ihre eigenen Interessen und Ziele, sei es einen Pferdestall zu bauen oder die örtliche Natur zu beschützen.

Juli Zeh nimmt die dörflichen Strukturen gnadenlos auseinander. Die Konflikte in Unterleuten stammen noch aus DDR-Zeiten und spielen sich zwischen Alt-Kommunisten und Neu-Kapitalisten ab. Hinzu mixt die Autorin Konflikte zwischen Ost- und Westdeutschen, Naturschützern und Wirtschaftsinteressen, Arm und Reich, Mann und Frau sowie Unterleutnern und zugezogenen Großstädtern. Bei der Beschreibung der Zugezogenen und ihrer Lebensweise fühlte ich mich an die großartige Dörte Hansen erinnert, die in „Altes Land“ einen ähnlichen Plot aufmacht.

Juli Zeh stellt ein illustres Handlungspersonal auf die Beine, aus deren jeweiliger Sicht sie die Geschichte erzählt:

Da haben wir zum einen Familie Fließ bzw. Fließ-Weiland: Gerhard Fließ war Professor in Berlin, der seine ehemalige Studentin Jule heiratet und mit ihr eine gerade erst geborene Tochter, Sophie, zeugt. Sie haben sich für das Leben auf dem Land entschieden, um dem Wahnsinn der Stadt zu entfliehen, einen Nutzgarten anzulegen und für den Schutz der einheimischen Tiere zu sorgen. Gerhard ist nämlich Angestellter des örtlichen Vogelschutzbundes. Zu dumm nur, dass ihr direkter Nachbar, Bodo Schaller, etwas gegen sie hat und Tag und Nacht Autoreifen an der Grundstücksgrenze verbrennt, so dass die Familie Fließ im eigenen Haus gefangen ist. Bodo Schaller betreibt eine Autowerkstatt, in der es nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Sein ein und alles ist Tochter Miriam. Wie viele Unterleutner steht Schaller in Rudolf Gombrowskis Schuld. Gombrowski ist eine zentrale Figur des Romans. Der waschechte Unterleutner ist der größte Arbeitgeber der Region. Er war früher Vorsitzender der LPG „Gute Hoffnung“ und hat nach der Wende den Hof in die Ökologica GmbH umgewandelt. Sein Verhältnis zu Frau, Tochter und Hund ist mehr als schwierig. Er hat überall seine Hände mit im Spiel, nur von der Windkraft-Geschichte wird er komplett von seinem Freund und Bürgermeister Arne Seidel überrascht. Das nimmt er ihm auch schwer übel, sieht dann aber schnell die finanziellen Vorteile des Deals. Bei ihm war ich immer hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Verachtung. Sein größter Widersacher im Dorf ist Kron. Er war Brigadeführer der LPG und nimmt Gombrowski die Privatisierung der LPG persönlich übel. Seit dem tobt ein wahrer Dorfkrieg zwischen den beiden, in den immer mal wieder der eine oder andere Dorfbewohner hineingezogen wird und wo es auch schon mal handgreiflich zugeht. Krons Tochter Kathrin ist das Auftreten ihres Vater immer wieder peinlich, aber letztendlich vergisst sie ihm nicht, dass er sich rührend um sie gekümmert hat, als ihre Mutter nach der Wende in den Westen abgehauen ist – ein Grund mehr für Kron, alles Westliche und Kapitalistische abgrundtief zu hassen.

Besonders gelungen fand ich die Figur der Linda Franzen, die mit dem IT-Nerd Frederik Wachs zusammen lebt, ihre wahre Liebe ist allerdings der Hengst Bergamotte. Ihm Zuliebe will sie in Unterleuten einen Pferdestall bauen und dort Kurse für Manager anbieten. Sie ist ein Alpha-Tier bzw. „Mover“, der sich an den Ratschlägen von „Dein Erfolg“ orientiert, ein Buch von Manfred Gortz, das dich zum Erfolg führen wird (www.manfred-gortz.de). Gibt es denn diesen Manfred Gortz und sein Buch eigentlich wirklich? Eine Frage, der die SZ auf den Grund gegangen ist.


Dieses Handlungspersonal hat Juli Zeh perfekt im Griff. Sowohl die Hauptfiguren als auch die Nebenfiguren sind ihr hervorragend gelungen. Da es sich um absolut überzeichnete Personen handelt, bin ich allerdings mit keiner so recht warm geworden, sondern habe das Treiben eher als interessierter Zuschauer verfolgt. Sie verwebt die Schicksale der Menschen sehr geschickt und führt den Leser oft genug in die Irre, wenn man versucht, das Ende der Geschichte zu erahnen. Sie erzählt in jedem Kapitel aus der Perspektive dieser Figuren, die von der allwissenden Erzählerin (einer Journalistin, wie sich später herausstellen soll) von innen und außen betrachtet werden. Daher auch der Eindruck, dass einem manche Figuren in der einen Situation extrem Leidtun und in der nächsten verabscheuungswürdig vorkommen.

Ein großes Lesevergnügen auf 640 Seiten, die nur so dahinfliegen. Nicht zuletzt, weil die Autorin eine einfache Sprache für ihren Roman gewählt hat. Wer auf der Suche nach raffinierten Bildern und sprachlicher Finesse ist, wird daher hier eher nicht fündig. Julie Zeh hat ihren detaillierten Blick auf unsere Gesellschaft in ihrem Roman verarbeitet. Idylle ist anders, und wer in einem Dorf lebt, weiß, dass das nicht an den Haaren herbeigezogen ist. Mit „Leere Herzen“ hat sie letztes Jahr nochmals bewiesen, dass sie eine scharfe Beobachterin ist und diese Beobachtungen in spannende Gesellschaftsromane einfließen lassen kann. Auch wenn Unterleuten weniger hart ist, als „Leere Herzen“ und oftmals Anlass zum Schmunzeln gibt, ist es dennoch ein sehr kritisches Buch, das viele wichtige, aktuelle Themen aufgreift, die sich vom Mikrokosmos Unterleuten sehr gut auf Deutschland und Europa übertragen lassen.

Vielen Dank an den btb-Verlag für das Leseexemplar!

 

Ein neues Buch von Juli Zeh steht für den Herbst auch schon in den Startlöchern "Neujahr" wird es heißen, in dem ein Familienurlaub auf Lanzerote zum Albtraum wird. Wir sind gespannt.

Eine lesereiche Zeit!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Taschenbuch, Klappenbroschur, 656 Seiten
ISBN
  978-3-442-71573-2

12,00 €
Verlag: btb Verlag
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.