Das Vogelhaus von Eva Meijer

 

Bilder entstehen in meinem Kopf, als ich in den Roman von Eva Meijer vertieft bin: eine Frau steht im verwunschenen Garten ihres englischen Cottages, Kohlmeisen auf ihrem Kopf, ihrer Schulter und ihren Armen. „Das Vogelhaus“ erzählt die Geschichte von Len Howard (1894 – 1973), die sich in der zweiten Hälfte ihres Lebens in das Dorf Ditchling zurückzieht, um sich vollständig der Beobachtung von Vögeln zu widmen. Der Lärm der Stadt und die Anwesenheit der Menschen werden für sie immer unerträglicher. Sie lässt ihre Karriere als professionelle Geigerin im renommierten Londoner Orchester sausen und kauft das Cottage vom Erbe ihres Vaters.

Sie wächst in einer wohlhabenden Familie auf dem Land auf. Schon als Kind entwickelt sie die gleiche Liebe zu den Tieren wie ihr Vater. Sie ziehen Vögel groß, die aus dem Nest gefallen sind. Eine zahme Krähe namens Charles begleitet sie durch ihre Jugend bis sie nach London geht, um dort ans Musik-Konservatorium zu gehen. Ihre Eltern missbilligen diesen Wunsch, doch mit 21 können sie Len nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun hat. Selten kommt sie danach noch Hause, zu bedrückend ist die Stimmung im Elternhaus: Ihre Mutter kommt selten aus ihrem Zimmer und spricht dem Alkohol zu sehr zu, ihr Bruder Kingsley muss in den 1. Weltkrieg als Soldat ziehen und ihr Bruder Dudley verletzt sich so stark bei einem Sprung von einer Klippe, dass er ein Pflegefall wird. All dies bleibt an ihrer Schwester Olive hängen, die sich ein eigenes Leben verwehrt und im Elternhaus bleibt.

Aus dem Privatleben von Len Howard ist wenig bekannt, wie uns Eva Meijer im Nachwort ihres Buches wissen lässt, so dass sie eine fiktive Geschichte um die wenigen Fakten erfunden hat. Sie hat viele Gespräche mit Menschen geführt, die Len persönlich gekannt haben. Die Passage rund um Lens Lieblingsvogel, die Kohlmeise Sternchen, sind den eigenen Aufzeichnung der Vogelforscherin entnommen. Eva Meijer streut diese zwischen die Kapitel, in denen der außergewöhnliche Lebensweg aus der Ich-Perspektive der Vogelkundlerin gezeichnet wird. Dies erfolgt zwar chronologisch, aber mit großen Zeitsprüngen. Auch wenn Len Howard heute fast vergessen ist, war sie damals eine nicht unumstrittene, aber doch berühmte Persönlichkeit, deren Bücher über ihr Zusammenleben mit den kleinen Singvögeln zu Beststellern wurden. Die Vögel lebten nicht nur in ihrem Garten, sondern in ihrem Haus. Sie hatten dort eigene Schlafplätze und störten sich nicht an der Gegenwart ihrer Mitbewohnerin.

Ich beobachte selber gern unsere kleinen Vögel im Garten, die leider von Jahr zu Jahr immer weniger werden. Schon zu Len Howards Zeiten in den 60er Jahren konnte sie den Rückgang und das Ausbleiben bestimmter Arten feststellen. Dieses Phänomen hat sich in den letzten Jahren verstärkt und macht sich auch für den Laien inzwischen offensichtlich bemerkbar. Während die klassische Vogelkunde sich mit dem Verhalten der Art beschäftigt, bringt uns Len Howard die individuelle Persönlichkeit der kleinen Piepmätze näher, die sich sehr voneinander unterscheiden. „Im Sommer 1949 verlor Sternchen ihren Partner und warf bald ein Auge auf Glatzköpfchen. Glatzköpfchen war ein ständiger Bewohner meines Gartens, ein starkes, stämmiges Kohlmeisenmännchen, das mir vollkommen vertraute.“ (S. 50).

Len Howard ist eine Aussteigerin, die Menschen weniger gern um sich hat als Tiere. Die zwei Weltkriege haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Der Lärm, der sie in London umgibt, ist ihr zu viel. Das kenne ich nur zu gut, wenn Züge, Flugzeuge, Autos und Gartenmaschinen ein „zur Ruhe kommen“ gar nicht möglich machen. Für Len ist nichts wichtiger als ihre Vögel und so wird eine zwischenmenschliche Kommunikation mit ihr immer schwieriger. Sie kann mit den lärmenden Menschen, die unentwegt reden müssen nichts anfangen.

Vielen Dank an den btb-Verlag für das Leseexemplar. Die Gestaltung des Buches ist sehr liebevoll mit dem hervorgehobenen Vögeln auf dem Schutzumschlag und der geprägten Meise auf dem Einband. Einige Fotos der Meisen, die mit Len Howard zusammenlebten, sind am Ende des Buches abgedruckt, leider kein Foto von ihr selbst. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich selbst nicht gern wichtig nahm, sich ihre Eitelkeit vorwirft, wenn wieder einmal ein Journalist die Vögel durcheinanderbringt, während er zum Interview-Termin vorbeikommt. Len Howard ist poetisch und analytisch zugleich. Und Eva Meijer versteht es, eine plausible Biografie zu erfinden und mit den wissenschaftlichen Alltagsbeobachtungen zu verknüpfen.

Eva Meijer ist 1980 in den Niederlanden geboren. Sie ist Philosophin, Schriftstellerin, Singer-Songwriter und bildende Künstlerin. „Das Vogelhaus“ gewann in ihrer Heimat den Leserpreis für den besten Roman des Jahres und war dort ein Bestseller. Eva Meijer hat selbst ein Buch über „Die Sprache der Tiere“ geschrieben. Sie beschreibt dort die Kommunikation der Tiere untereinander und die Möglichkeiten der Mensch-Tier-Kommunikation. Denis Scheck hat ihr dazu einige Fragen gestellt. Das Video steht im Internet zur Verfügung.

Ich fand das Buch sehr lesenswert und habe die gut 300 Seiten an einem Wochenende durchgelesen. Ich werde auf jeden Fall die Vögel in meinem Garten mit anderen Augen betrachten, nachdem ich von Len Howard so viel über ihre Persönlichkeit und die mögliche Kommunikation mit ihnen gelernt habe. Ein wundervolles Buch!


Details zum Buch:
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 5 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-442-75794-7
€ 20,00
Verlag: btb
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