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Der Abgrund in Dir von Dennis Lehane

Mit „Shutter Island“ und „Mystic River“ im Kopf, habe ich den neuen Psychothriller von Dennis Lehane zu lesen angefangen. „An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.“ – ist der rasante Beginn der Geschichte. Die Story entwickelt sich dann aber unerwartet langsam und kommt eher als Familienroman/ Charakterstudie daher: Rachel Childs macht sich nach dem Tod ihrer dominanten Mutter, Evelyn Childs, auf die Suche nach ihrem Vater, da Evelyn dieses Geheimnis mit ins Grab nimmt. Als sie das erste Mal bei dieser Suche scheitert, beginnt der langsame, psychische Verfall und Rachel wird von Panikattacken geplagt, die anfangs nur sporadisch auftreten, und die sie noch erfolgreich verheimlichen kann. Denn als gefragte Fernsehjournalistin und Ehefrau eines ebenso erfolgreichen Fernsehmanns kann sie sich Schwäche nicht leisten. Ständig sind die beiden auf den angesagten Partys von Boston eingeladen und verkehren mit der Prominenz der Stadt und des Landes.

Als der Sender Rachel nach dem schweren Erdbeben 2010 für eine Reportage nach Haiti schickt, erweist sich dies als Schicksalsreise: ihre schonungslos ehrlichen Reportagen kommen bei ihren Bossen nicht gut an. Sie erwarten eine hoffnungsvolle Berichterstattung für ihre Zuschauer. Doch Rachels Erlebnisse vor Ort traumatisieren sie nachhaltig und ihr ist der hoffnungsvolle Blick auf die Dinge nicht mehr möglich, weil sie mit der Realität nichts zu tun haben. Rachel gilt nach der Reise als gescheitert und wird bei ihrer Rückkehr nur noch bei lokalen Stories eingesetzt. Ihr Ehemann verachtet sie zunehmend für ihr Scheitern und Rachels Panikattacken verschlimmern sich. Eine zweite Chance scheint ihre Karriere wieder in Schwung zu bringen: erneut soll sie aus Haiti berichten, aber statt sich zu bewähren, gerät die Reise zum Desaster. Was folgt sind weitere Panikattacken, Jobverlust und Scheidung.

In dieser für Rachel ausweglosen Situation tritt ein bisheriger Nebendarsteller ins Rampenlicht: Brian Delacroix, den Rachel einst als Privatdetektiv engagiert hatte, um ihren Vater zu finden. Der Spross einer Unternehmerfamilie aus Kanada begegnet ihr sporadisch in Boston oder schreibt ihr E-Mails, in denen er sie für ihre Arbeit bewundert. Als sie sich zufällig begegnen beschreibt sie das Gefühl mit „Ich kenne Dich. Aber eigentlich kenne ich dich nicht.“ (S. 90) und selbst am Ende des Romans bleibt Brian wie ein Geheimnis: „Ich habe dich geliebt, ich habe dich gehasst, ich weiß nicht, wer du bist.“ (S 342). Als Rachel am Boden zerstört ist, treffen sie sich in einer Kneipe wieder und Brian ist der Held, der sie aus ihrer Verzweiflung rettet. Er kümmert sich um sie, heiratet sie und führt sie nach und nach wieder zurück ins Leben. Jetzt beginnt der zweite Teil der Geschichte und die Seiten fliegen nur so dahin. Die Story entwickelt sich, wie wir es vom Autor gewohnt sind: spannend, mit immer wieder ungewöhnlichen Wendungen und komplexem Personal. Lehane nutzt das altbewährte Rezept des Misstrauens, das sich Stück für Stück in die Seele frisst. Zu viel sei hier allerdings nicht verraten, denn dann wäre das Lesevergnügen nur halb so spannend.

„Der Abgrund in Dir“ ist der erste Roman, den Dennis Lehane aus der Sicht einer Frau geschrieben hat. Ich finde, dass ihm das sehr gut gelungen ist. An keiner Stelle habe ich gedacht „Also so würde ich als Frau nicht denken.“ Lehane hat sich Zeit genommen, Rachels Vorleben zu entwickeln, was mir persönlich gut gefallen hat. Die beiden Teile des Buches sind aber dadurch sehr verschieden geraten. Während der erste Teil dahinplätschert, rast der zweite Teil dahin und hat mit der eigentlichen Vorgeschichte wenig bis gar nichts zu tun. Dies kann man dem Autor durchaus vorwerfen. Die eine oder andere Verbindung zwischen den beiden Teilen hätte dem Roman gut getan. Auch die Verwandlung, die Rachel im zweiten Teil durchmacht von einer von Panikattacken geplagten Frau, die sich kaum noch aus dem Haus wagt, zu einer Frau, die hohe Risiken in Kauf nimmt und Profilkiller an der Nase herumführt, ist sicherlich nicht immer glaubwürdig. Aber spannend ist es trotzdem und irgendwie habe ich Rachel das abgenommen. Das anfängliche Zitat von René Descartes "Maskiert trete ich auf." - trifft für mich den Kern des Buches. Und tragen wir nicht selbst oft genug eine Maske?

Diogenes beschreibt das Buch als psychologischen Thriller und Liebesgeschichte – ich würde noch Eheroman ergänzen wollen. Mir waren Brian und Rachel als Figuren sehr sympathisch und ich habe mit ihnen mitgefiebert. Daumen hoch für den neuen Roman, auch wenn es die ein paar Schwachstellen im Plot gibt.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Leseexemplar.

Eine lesereiche Zeit wünscht

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Übersetzt von Steffen Jacobs, Peter Torberg
Hardcover Leinen
528 Seiten
978-3-257-07039-2
€ 25,00

Verlag: Diogenes
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