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Slow Horses von Mick Herron

Sehr gespannt war ich auf diese neue Agenten-Reihe rund um Jackson Lamb, die uns der Diogenes Verlag im Paket beigefügt hatte. Und ich bin nicht enttäuscht worden. Ein großartiger Page Turner mit skurrilen Charakteren, die very british daherkommen.

Jackson Lamb ist Chef der Slow Horses. Wer jetzt an eine Bande Wettbetrüger denkt, hat weit gefehlt. Die Slow Horses sind allesamt gescheiterte Agenten, die vom MI5 aussortiert wurden und in einer Außenstelle unterkommen mussten: Slough House. Jüngster Zugang: River Cartwright, der gerade bei einer Übung gescheitert ist und King’s Cross lahmgelegt hat. Oder vielleicht doch hintergangen wurde? Er kann sich überhaupt nicht damit abfinden, dass er nun Zeit seines Agentenlebens Überwachungsvideos, abgehörte Telefonate oder ähnliche Datensammlungen für die „echten“ Agenten auswerten soll. Er wartet nur auf die Gelegenheit, um auf eigene Faust zu ermitteln. Diese scheint gekommen zu sein, als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird und live im Internet enthauptet werden soll. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Sein übergewichtiger und ungehobelter Chef wird ihm auf jeden Fall nicht in die Quere kommen – so jedenfalls der erste Eindruck.

Doch Jackson Lamb wäre nicht Chef der Slow Horses, wenn er nicht seine Qualitäten hätte. Als er der stellvertretenden Chefin des MI5 auf die Schliche kommt, ein krummes Ding zu drehen, sollen die Slow Horses die Kohlen aus dem Feuer holen. Schnell muss er seine lahmen Gäule zu Rennpferden machen und einige entpuppen sich im Laufe des Buches als Galopper mit Stehvermögen, allen voran der Computernerd Ho und Catherine Standish, trockene Alkoholikerin und Vertraute einer ehemaligen MI5-Legende.

Mick Herron gelingt eine Story, die immer wieder überraschende Wendungen nimmt und trotzdem immer plausibel bleibt. Ich finde Mick Herron hat Sinn für gekonnte Dialoge und viele Details bei der Zeichnung seiner Protagonisten. Er schreibt ironisch über den Agenten-Betrieb voller skrupelloser Egoisten, die nur einen Weg kennen: nach oben. Manchmal wird es auch sehr derbe, vor allem wenn es um den Sonnenschein Jackson Lamb geht: „Ihre Unterhaltung hatte sich zunächst um Konkretes gedreht (Jackson Lamb ist ein Arschloch), war dann spekulativ geworden (Warum ist Jackson Lamb so ein Arschloch?), bevor sie ins Sentimentale driftete (Wäre es nicht schön, wenn Jackson Lamb unter einen Mähdrescher geriete?).“ (S. 58)

Eine gelungene neue Reihe, die sich hoffentlich so gut weiterentwickelt wie sie begonnen hat. In England hat Mick Herron schon diverse Preise für seine Serie erhalten. Der Autor hat in Oxford Englische Literatur studiert und ist Baujahr 1963. Ob seine Bücher sich irgendwann in die Klassiker-Riege um Frederik Forsyth reihen werden, bleibt wohl noch einige Jahre ein Geheimnis. Ehrlich gesagt, finde ich das auch gar nicht so wichtig, denn mir kommt es auf das heutige Lesevergnügen an, und das ist definitiv großartig.

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Leseexemplar und das Verlegen dieser Reihe. Wir freuen uns schon auf den zweiten Teil.

Ein Video mit Mick Herron gibt es auf  Youtube

Viel Spaß beim Schauen und Lesen!

Ihre Tanja Drecke


Details zum Buch
Hardcover Leinen, 480 Seiten
ISBN: 978-3-257-07018-7
€  24,00
Verlag: Diogenes
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.