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Atlas der Fabelwesen – Sagen, Legenden, Mythen aus aller Welt

Haben Sie sich auch schon immer gefragt, wo eigentlich Einhörner und Drachen herkommen? Dann sind Sie mit diesem grafisch beeindruckenden Atlas hervorragend bedient. Ruth Briggs, Bibliothekarin von Hardacre Manor in Berkshire macht einen erstaunlichen Fund: Der mittelmäßig Dichter Cornelius Walters hat in einer gut versteckten Kiste einen Atlas mit allerlei seltsamen Fabelwesen gezeichnet. Zwischen all den Fabeltieren befindet sich eine Art Geheimschrift, die es gilt, beim Lesen zu entziffern. Verwirrt und erstaunt darüber, dass es den Anschein hat, als wenn besagter Dichter die Länder alle bereist hätte und zudem allen Fabelwesen begegnet wäre, schickt sie die Aufzeichnungen mit ihren Anmerkungen an einen Lektor von Mercator & Co in London.

1563 startet Cornelius Walters seine Schiffsreise zu den Fabelwesen der Erde. Doch bevor er in See sticht, erhält er eine Botschaft in geheimnisvoller Schrift. Wir reisen mit ihm in alle Länder dieser Erde, um den Spuren von Cornelius zu folgen und die mysteriösen Geschöpfe zu finden. Den Anfang machen Großbritannien und Irland. Und wenn Sie geglaubt haben, schon sehr viele mystische Geschöpfe zu kennen, Walters kennt mehr. Ich kenne zwar Giant’s Causeway in Irland und war sogar schon einmal dort, kannte aber die Geschichte des Riesens Finn McCool  nicht, der der Sage nach diesen Übergang nach Schottland geschaffen haben soll, indem er riesige Felsblöcke vor sich her ins Meer warf. Das Ungeheuer von Loch Ness und den Grünen Mann kannte ich ja, aber kennen Sie Nuckelavee oder Cornish Piskies? Nein, ich auch nicht, aber jetzt weiß ich das Nuckelavee eine gar schaurige Gestalt auf den Orkney-Inseln ist und aussieht wie ein Pferd, verschmolzen mit seinem Reiter. Das wäre ja noch nicht so schlimm, aber es besteht leider nur aus rohem, blutigem Fleisch – kein netter Zeitgenosse.

Und so geht es munter weiter. Wir begegnen verschiedensten Drachenarten, dem berüchtigten Kraken und einer Vielzahl von Geschöpfen, die bei uns eher unbekannt sind (Suur Töll, Gurumapa, Legarou, Igupiara, um nur ein paar zu nennen). Wir lernen auch, wie wir einige der Geschöpfe behandeln müssen. Wenn Sie einem Kappa begegnen und ihn bezwingen müssen, verbeugen Sie sich bitte tief. Dieser spitzbübische Flussdämon aus Japan hat nämlich ein Elixier in seinem offenen Affenschädel. Zudem ist er sehr höflich und wird die Verbeugung erwidern, so dass ihm die magische Flüssigkeit aus dem Kopf rinnt. Und schon können sie ungehindert den Fluss ihrer Wahl überqueren. Falls Sie ihm danach als Entschädigung etwas Gutes tun wollen: Der Kappa liebt Gurken. Endlich weiß ich auch, warum Spinnen so lange Beine haben: Die Spinne Anansi aus dem afrikanischen Ghana hütet den Sagenschatz der Welt und spinnt ihn wie ein Netz. Sie aß furchtbar gerne, war aber sehr faul. „Als der Hase seinen Freund zum Essen einlud hatte Anansi keine Lust, beim Kochen zu helfen. Er band sich einen Seidenfaden an eines seiner Beine und bat den Hasen, daran zu ziehen, wenn das Essen fertig war. Unterdessen besuchte er andere Tiere, die ihn auch alle zum Essen einluden.“ Sie können es sich denken: alle banden einen Faden an die acht Beine der Spinne und zogen zur gleichen Zeit. So also kommen die Spinnen zu ihren langen Beinen.

Während seiner Reise erhält Walters zahlreiche Hinweise in der merkwürdigen Geheimschrift. Nach jedem Abenteuer taucht eine solche Botschaft auf. Auf dem Weg zu den griechischen Inseln findet er Seetang, der in Form dieser Geheimschrift auf dem Oberdeck zu finden war. Ein anderes Mal schlitzen Vögel die Nachricht in die Segel. Ruth Briggs hält anfangs all dies für pure Phantasie von Walters, wie sie uns in ihren Kommentaren wissen lässt.

In liebevoller Kleinarbeit haben die Autoren Stuart Hill & Sandra Lawrence ihren Atlas zusammengetragen. Sandra Lawrence hat die Texte geschrieben und Stuart Hill die schönen Illustrationen geliefert. Mich haben die Details und die Fülle an Informationen genauso beeindruckt wie die Idee, fast 250 mystischen Wesen in einem Atlas zu katalogisieren (die wunderbarerweise auch noch in einem Stichwortverzeichnis aufgeführt sind).

Ein Buch wie eine Reise um die Welt, das für Kinder ab mindestens 8 Jahren (meine Tochter ist 8 und fand einige Wesen ziemlich unheimlich, war aber ansonsten genauso begeistert wie ich) und Erwachsene gleichermaßen spannend ist.  Man lernt unglaublich viel über die verschiedenen Sagen, Legenden und Mythen. Nebenbei darf man noch die verschiedenen Rätsel lösen. Ein Buch für alle, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass es irgendwo noch ein Einhorn, einen Drachen oder doch wenigstens eine Fee geben möge. Doch Vorsicht – dieses Buch birgt ein Geheimnis und hätte niemals veröffentlicht werden dürfen.

Vielen Dank an den Prestel-Verlag für dieses schöne Leseexemplar.

Details zum Buch
Gebundenes Buch, Pappband, 64 Seiten, durchgehend illustriert 

Aus dem Englischen von Marianne Harms-Nicolai

ISBN:  978-3-7913-7350-8
€ 24,00
Verlag: Prestel junior

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