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Die Kunst zu lesen von David Trigg

Wer nun ein Buch über das Lesen und die hohe Kunst dieser Beschäftigung erwartet, liegt leider daneben, obwohl der Titel diesen Inhalt vermuten lässt. Stattdessen hat David Trigg rund 300 Kunstwerke zusammengestellt, in denen Bücher und ihre Leser eine Rolle spielen. Der englische Titel „Reading Art: Art for Booklovers“ trifft es da doch wesentlich besser. Aber abgesehen davon, begegnet in diesem schönen Buch das geschriebene Wort dem Bild. Es ist ein Loblied auf das Buch, das in früheren Zeiten nur wenigen Menschen zur Verfügung stand, das ein kostbarer Besitz war und über das revolutionäres Gedankengut verbreitet wurde. Heute ist dieser Schatz zur Massenware, ja fast schon zum Wegwerfprodukt geworden, wie das Bild „Amazon“ aus dem Jahre 2016 von Andreas Gursky eindrucksvoll auf Seite 263 zeigt. In der Bildunterschrift heißt es „Dieser Konsumgüter-Ozean stellt nur einen kleinen Teil der Waren dar, die in dem riesigen Amazon-Depot in Phoenix, Arizona, auf den Weitertransport warten.“ Diese unfassbare Menge wird ausschließlich über Algorithmen sortiert, damit eine schnellstmögliche Weiterleitung erfolgen kann. Dennoch gibt es immer noch genug Menschen, die sich eine eigene Bibliothek halten und sich über ein Buch mit dem Thema Bücher freuen.

Das Buch streift mit uns durch die Jahrhunderte und zeigt uns die Geschichte des Buches. Von seinen Anfängen, die weit vor der Entstehung unseres heutigen Buches liegen, wie sich am ältesten Werk "Frau mit Wachstafel und Griffel aus Pompeji" zeigen lässt. Dieses Fresko eines unbekannten Künstlers stammt aus der Zeit zwischen 79 und 55 v. Chr. Leser und Bücher erscheinen auf Gemälden, werden zu Skulpturen oder finden Verwendung in Installationen. Über die Jahrtausende hat sich das Bild des Lesers zwar durchaus gewandelt, aber viele Situationen sind doch gleich geblieben. All die Bücher, die wir im Sitzen, Liegen, auf dem Schoß der Eltern, in der Bahn, im Wartezimmer, im Bett gelesen haben. Wer kennt es nicht, wenn man über einem Buch einschläft oder sich wünscht, man hätte ein Buch mitgenommen, damit man sich nicht so langweilt.

Oft habe ich mir vorgestellt, was die Lesenden auf den Bildern wohl lesen mögen. Bei einigen ist es ganz offensichtlich, wie bei den kirchlichen Darstellungen. Bei anderen kann man gar nicht ergründen, welche Lektüre wohl gelesen wird. Und bei einigen kann man zumindest erahnen, um welche Art Buch es sich handeln mag. So taucht man immer stärker in die Bilder ein, die einen ansprechen. Da ich Ernst Barlach sehr mag, haben mich die beiden Lesenden Mönche III auf Seite 65 besonders gefreut. Der von den Nazis als „undeutsch“ klassifizierte Künstler stellt hier zwei Mönche dar, die gemeinsam ein Buch lesen. Diese Art der Darstellung war ungewöhnlich, da das Lesen „stets als Tätigkeit eines Einzelnen dargestellt“ wird.

Den besten Eindruck erhält man bei einem Bildband natürlich durch ein Blick ins Buch, den der Prestel-Verlag auf seiner Seite auch gewährt:


Themen, wie Bücherverbrennungen, Leserinnen, Bibliotheken oder Heilige und Schreiber werden aufgegriffen und durch einleitendende Zitate kategorisiert. Leider ist es nicht so offensichtlich, in welcher Reihenfolge die Bücher ausgesucht worden und ob sie einer bestimmten Logik folgen. Zwar gibt es zwischen den Bildern immer wieder Zitate und die darauffolgenden Abbildungen sind auch zum Teil passend, aber dennoch hat es sich mir nicht immer auf den ersten Blick erschlossen. Einige Bilder sind sehr detailliert besprochen, wodurch ich sehr viel gelernt habe. Andere werden leider nicht weiter ausgeführt, was ich schade fand. Vielleicht gibt es zu diesen Werken aber auch nicht mehr zu sagen. Auch schade fand ich das Format des Buches und die viel zu kleine Schrift. Gerade einem Buch mit dem Titel „Die Kunst zu lesen“ hätte ein größeres Format gut getan. Sowohl die Bilder als auch die Text wären dann besser zur Geltung gekommen.

T
rotz der kleinen Kritikpunkte nehme ich das Büchlein immer wieder gern zur Hand und lasse mich durch die lesenden Menschen und ihre Bücher treiben. Immer wieder entdecke ich neue Details in den Bildern. Gerade im Zeitalter der elektronischen Bücher und Smartphones ist ein Bildband, der das Buch auf knapp 350 Seiten würdigt, eine Freude für alle Bibliophilen Menschen und Kunstliebhaber.

 

Vielen Dank an den Prestel-Verlag für das Leseexemplar.

Details zum Buch

Hardcover, Pappband, 352 Seiten, 13,7x20,3, 280 farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-7913-8478-8

€ 22,00
Verlag: Prestel
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