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Unter der Drachenwand von Arno Geiger

Mein Lesejahr 2019 bleibt hervorragend. Endlich habe ich „Unter der Drachenwand“ von Arno Geiger gelesen. Neben der Geschichte, die erzählt wird, hat mich vor allem der Schreibstil des Autors begeistert. Selten habe ich mir so viele Zitate beim Lesen aufgeschrieben. Arno Geiger schafft mit seiner poetischen Sprache eine Atmosphäre, bei der man das Gefühl hat, alles mitzuerleben. Was macht Krieg mit dem Einzelnen – eine Perspektive, die so viel mehr unter die Haut geht als bloße Zahlen, Daten und Fakten in den Geschichtsbüchern. Schon die ersten Sätze haben mich in das Buch gezogen.

Es geht um das Leben von Veit Kolbe, der mit Mitte 20 als Wehrmachtssoldat bereits seit 4 Jahren im 2. Weltkrieg an der russischen Front steht, an der wir ihm das erste Mal begegnen. Er ist sich seiner Meinung über den Krieg nicht mehr sicher. Er zweifelt inzwischen an der Richtigkeit seiner Beteiligung. Kaum erträglich ist ihm der Gedanke an den Krieg: „Und der Krieg arbeitete sich weiter, für die einen nach vorn, für die anderen nach hinten, aber immer in der blutigsten, unverständlichsten Raserei.“ Kurz nachdem wir den Protagonisten an der Front kennenlernen wird er schwer verwundet ins Lazarett und schließlich Richtung Westen zur Genesung verbracht. „Die Schmerzen westwärts sind auszuhalten.“ (S. 8) denkt er, und wir verstehen, was er meint. Schließlich kommt er nach Hause zu den Eltern in Wien. Aber die Gespräche mit seinem Vater, der die Schmach des 1. Weltkrieges nicht verwinden kann, ermüden ihn. Für den Kriegsveteran kommt eine Niederlage nicht in Frage, und er hat kein Verständnis für den Pessimismus und den Verdruss seines Sohnes. Immer wieder kommt es zum Streit, denn Veit ist kriegsmüde. Schließlich reist er zu einem Onkel nach Mondsee, einem kleinen Ort, der vom Klettersteig Drachenwand überragt wird.

Er kommt bei einer wirklich unangenehmen Quartierfrau unter, die mehrere Zimmer vermietet. Neben Veit wohnt Margot, eine verheiratete Frau mit ihrem kleinen Baby Lilo. Ihr Mann ist an der Front und sie ist vor der Enge der Familie in Darmstadt geflohen. Veit und Margot verlieben sich ineinander „Und ich weiß, es sind schon ereignisreichere Geschichten von der Liebe erzählt worden, und doch bestehe ich darauf, dass meine Geschichte eine der schönsten ist. Nimm es oder lass es.“, fordert uns Veit auf.

Auf dem Hof lebt der „Brasilianer“, wie der Bruder der Quartierfrau genannt wird, weil er einige Zeit in Brasilien gelebt hat. Er ist ein komischer Kauz, der in seinem Gewächshaus wohnt und Pflanzen für die verschickten Mädchen in der Umgebung. Er macht keinen Hehl daraus, dass er von den „Maschinenmenschen“ – wie er die Nazis nennt – nichts hält. Das bringt ihn immer wieder in große Schwierigkeiten.

Veit hingegen ist zerrissen zwischen dem Wunsch, nicht wieder an die Front zu müssen und dem schlechten Gewissen, doch eigentlich wieder am Krieg teilnehmen zu müssen. Aber sein Überlebenswille ist stärker und so tut er alles, um weitere Zeit in Mondsee verbringen zu können und seinem Dienstherren „Firma Blut und Boden“ zu entwischen. „So vergingen die Wochen. Alles rutschte weiter ins Jahr hinein. Der Krieg ging voran auf Kosten dessen, was besser gewesen wäre.“ (S. 149). Der Krieg ist längst verloren, aber wie lange dauert es noch, bis Frieden sein wird?

Wir schauen aus der Perspektive des Wiener Judens Otto auf den Krieg, der im letzten Moment vorerst vor den Nazis nach Budapest flüchten kann: „Tatsächlich erkenne ich das schöne Wien nicht wieder, es ist innerlich zerstört, während die Häuser noch stehen.“ Der Blick von Margots Mutter auf das zerstörte Darmstadt erschüttert einen als Leser, auch wenn man vieles aus Erzählungen kennen mag.  Zu guter Letzt gibt es noch die Briefe von Kurt an seine Nanni, die aufs Land nach Mondsee verschickt wird und ihm so entsetzlich fehlt. Als Nanni verschwindet, schreibt er an seinen besten Freund Ferdl kurz vor seinem Abzug an die Ostfront – Hitlers letztes Aufgebot. Kinder, die den Krieg gewinnen sollen.

Alles zusammen spiegelt die Gemütslage und die Lebensumstände in Deutschland am Ende des 2. Weltkrieges wider und ermöglicht uns einen Schlüssellochblick in diese Zeit. Man hat das Gefühl, dass alle unter einer bedrohlichen Drachenwand zu dieser Zeit leben mussten. Arno Geiger hat in einem Interview erzählt, dass er die Idee zu diesem Roman durch Briefe, die er auf einem Flohmarkt fand 14 Jahre zuvor, bekam. Wie gut, dass Arno Geiger diesen Flohmarkt besucht hat. Wie schade wäre es gewesen, wenn dieser Roman nicht geschrieben worden wäre.

Eine klare Leseempfehlung für alle, die sich für die Geschichte interessieren, vor allem aber Fans einer poetischen Sprache sind. Wer schon einmal reinlesen möchte, findet auf den Seiten des Hansa Verlags eine Leseprobe als PDF.

Bis zum nächsten Buch.
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch

Hardcover, 480 Seiten (das Taschenbuch soll am 21.06.2019 herauskommen)
ISBN : 978-3-446-25812-9
€ 26,00

Verlag: Hanser
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.