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Frau im Dunkeln von Elena Ferrante

„Ich fühlte mich befreit, als wäre ein schwieriges Werk wie durch ein Wunder endlich vollendet und mir eine Last von den Schultern genommen.“ – so denkt Leda, die Protagonistin dieses Buches über die Tatsache, dass ihre beiden erwachsenen Mädchen beim Vater in Toronto wohnen. Leda ist 47 Jahre, geschieden und erleichtert, dass sie sich nicht mehr um die beiden Mädchen kümmern muss. So jedenfalls der erste Eindruck.

Sie verbringt ihren ersten Urlaub alleine am Meer, wo sie sich ein kleines Zimmer gemietet hat. Sie genießt die Zeit mit sich. „Schon vor langer Zeit habe ich festgestellt, dass ich alles über die Mädchen weiß, aber wenig über mich selber.“ (S. 10). Am Strand beobachtet sie eine große Familie aus Neapel, die ihre eigene Herkunft widerspiegelt. Besonders angetan haben es ihr Nina und ihre Tochter Elena. Nina ist im Alter ihrer beiden Töchter, zu denen sie ein gestörtes Verhältnis hat. Die beiden sind so liebevoll miteinander, dass Leda immer stärkeren Neid empfindet. Das Spiel mit Elenas Puppe weckt in Leda das Gefühl, eine unzulängliche Mutter gewesen zu sein. Sie wird mit ihrer eigenen Rolle als Mutter konfrontiert, und diese Konfrontation gefällt ihr gar nicht. Sie dringt in die Mutter-Tochter-Beziehung zwischen Nina und Elena ein, um Nina eine gute Ratgeberin zu sein. Leda sieht, dass Nina unglücklich und von ihrer Rolle in der Familie überfordert ist.

Als die Puppe einsam am Strand liegt, nimmt Leda diese an sich und gibt sie der Familie nicht wieder, wohl wissend, dass sie damit ein kleines Mädchen traurig zurücklässt. Diese fiese Tat ist der Beginn eines Puzzles aus Vergangenheit und Gegenwart, in dem Dinge verschwinden, verloren gehen oder genommen werden. Und das große Thema Verlassen werden. Wie immer, blickt Ferrante dabei auf das Alltägliche, die Kleinigkeiten, die unsere Leben ausmachen. Das beherrscht sie meisterhaft.

Es fiel mir sehr schwer, Sympathie für Leda zu empfinden. Der schonungslose Stil von Elena Ferrante legt Ledas Gedanken frei als würde ein Gehirnchirurg jede Windung einzeln sezieren. In ihrem gewohnt schnörkellosen Stil haut sie uns die Abgründe von Ledas Gehirn um die Ohren. Ich habe diese Frau verurteilt, beschimpft und gehasst, für das was sie tut. Genauso wie bei den Neapel-Romanen schafft Ferrante es, dass man das Buch manchmal einfach nur von sich schleudern möchte. Ich war direkt froh, dass das Buch nur 187 Seiten umfasst. Und doch gibt es Passagen, wo man als Leserin denkt, „ja, das kann ich nachvollziehen“. Wir haben es gerne einfach: Gut und Böse, Schwarz und Weiß – aber das lässt uns die Autorin nicht durchgehen. Zu vielschichtig sind ihre Personen.

Elena Ferrante ist selber eine Frau, die lieber im Dunkeln bleibt, denn niemand kennt ihre Identität. Das Dunkel steht in diesem Roman für die dunkle Seite in uns, für die Schatten der Vergangenheit, für all die Momente, in denen wir für andere im Dunkeln bleiben / nicht da sind. Sie zeigt uns mit diesem Roman die Zerrissenheit moderner Frauen zwischen Job/Karriere, Ehe, Kindern. Vor allem aber zeigt sie, wie alleine diese Frauen dastehen. Die Gesellschaft erwartet eine „perfekte“ Mutter, vom Ehemann fühlen sich viele alleingelassen. Als Leda eine Situation zwischen Nina und Elena beobachtet, in der sich Elena wie wild gebärdet und sie das Gefühl hat, dass Nina dem Kind nun eine Ohrfeige verpassen wird, denkt sie: „Doch das Band wird sich nur noch mehr verwickeln, wird umso fester durch die Reue, durch die Demütigung, sich in aller Öffentlichkeit als herzlose Mutter offenbart zu haben, nicht so, wie es Kirche und Illustrierte anmahnen.“ (S. 85) -  vermutlich sieht sie sich selbst in einer ähnlichen Situation.

Leda wächst mit einer überforderten Mutter auf, die immer wieder damit gedroht hat, ihre Kinder zu verlassen, während sie schlafen. Letztendendes ist es Leda, die ihre Töchter tatsächlich für drei Jahre verlässt, um sich selbst zu verwirklichen. Diese Zeit führt zu einem unheilbaren Bruch zwischen ihr und ihren beiden Mädchen. Am Anfang des Buches hat man das Gefühl, dass sie erleichtert ist, ihre Kinder nicht mehr um sich zu haben. Je länger man liest, desto klarer wird, wie sehr sie unter dem gestörten Verhältnis leidet und wie einsam Leda ist.

Am Ende des Buches erreicht Leda das, was sie will: ihre Töchter und Ihr Mann kümmern sich um sie, sie ist nicht mehr allein. Ihr Verhalten ist ein einziger Schrei nach Liebe und Aufmerksamkeit. So hart sie sich gibt, so ist doch ihr sehnlichster Wunsch, das Verhältnis zu ihren Töchtern zu verbessern.

Ferrantes Themen sind die Herkunft und das Lösen aus dieser. Das Abnabeln von den eigenen Eltern, die Zerrissenheit moderner Frauen, die überfordert sind mit dem Anspruch, den die Gesellschaft an sie hat und dem Bild, das die Medien zeichnen. Sie sind mit Müttern aufgewachsen, die sie nicht auf das Leben moderner Frauen vorbereiten konnten und so sind sie in einer Art Zwischenwelt, in der sie sich immer wieder neu ausrichten müssen.

Mein Fazit: Ein Buch für alle, die sich gern mit diesen Themen beschäftigen, die einen schnörkellosen Schreibstil mögen und vielleicht auch gerade noch nicht die neapolitanische Saga gelesen haben. Hier findet man schon sehr viele Aspekte wieder, die Elena Ferrante in ihrer Saga aufgreift. Eine Lektüre, die noch lange nach ihrem Ende in mir nachgewirkt hat. Elena Ferrante wirft viele Fragen auf, auflösen muss man diese als Leser selbst.

Das Buch war lange Zeit vergriffen und ist nun im Suhrkamp Verlag neu erschienen. Vielen Dank an dieser Stelle für das Leseexemplar.

Bis zum nächsten Buch.
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch
Übersetzt von Anja Nattefort
Gebunden, 188 Seiten

ISBN : 978-3-518-42870-2
€ 22,00
Verlag: Suhrkamp
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.