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Rezension: Mein Jahr in den Bergen von Paolo Cognetti

„Vom Abenteuer des einfachen Lebens“ lautet der Untertitel dieses 145 Seiten umfassenden Kleinods aus der Feder des italienischen Autors Paolo Cognetti, der mit „Acht Berge“ einen internationalen preisgekrönten Romanerfolg landete. Ich habe seinen Roman sehr gern gelesen, denn die poetische Sprache versetzt den Leser direkt vom Sofa in die Berge. Wer nun diesen Bericht über das Aussteiger-Jahr liest, wird feststellen, dass eine Menge von Cognettis Erfahrungen in „Acht Berge“ steckt.


Im Gegensatz zu den Bergbewohnern, für die das Abenteuer des einfachen Lebens Alltag ist, sucht Cognetti in der Berghütte auf 2.000 m Ruhe vor seinem hektischen Leben in Mailand. Inspiriert durch berühmte Vorbilder wie Henry David Thoreau („Walden“ – übrigens ein Buch, dass ich nur jedem wärmstens empfehlen kann), die die Abgeschiedenheit der Natur aufsuchten, um auf sich selbst reduziert sein zu können, steigt er mit 30 Jahren für ein Jahr aus und reist in die Urlaube seiner Kindheit in den italienischen Alpen zurück. Nach zehn Jahren kehrt er an den Ort zurück, der für ihn „der Inbegriff der Freiheit“ (S. 11) war, um den „urbanen Mann“ gegen den „wilden Burschen“ (S. 12) auszutauschen und die Natur und sich selbst wieder zu spüren.

Mit allen Sinnen beschreibt er seine Eindrücke: da ist der „Duft nach Holz und Harz“, das Stöhnen und Knarren der Holzhütte unter Temperaturen von unter zwanzig Grad oder die „Schneeflecken auf der Weide gegenüber“. Er führt uns nicht rein chronologisch durch die zwölf Monate der Abgeschiedenheit, sondern gliedert das Buch in Themen wie „Tränen“, „Nachbarn“ oder „Nacht“. Seine seltenen Begegnungen mit Menschen finden mit skurrilen Typen statt, wie mit dem Hirten Gabriele oder mit Remigio, seinem Freund aus Kindertagen – beide so urig und mit dem Berg verwachsen, wie die Zirbelkiefern, die sich in luftigen Höhen an den Berg krallen.

Anders als zum Beispiel Thoreau begibt sich Cognetti nicht in die Wildnis, denn: „In den Alpen gibt es keine Wilderness, es gibt nur eine lange Geschichte der Anwesenheit der Menschen…“ (S. 27). So lebt er in der einfachen Berghütte, legt einen Gemüsegarten an, schließt Freundschaft mit den Hirten, die im Sommer auf dem Berg leben, und geht auf Entdeckungstouren, um die Geschichte der vom Menschen geprägten Landschaft zu ergründen. Er stellt sich seinen Ängsten, wie der Dunkelheit, zu der er zu keiner Zeit ein gutes Verhältnis hatte. Während die Rehe tagsüber das gejagt Wild waren, verwandelte die Dunkelheit ihr heiseres Husten für ihn in das Geräusch eines Jägers, der Cognetti auf den Fersen ist.

Durch seine achtsamen Beobachtungen schafft der Autor großartige Bilder. Am 29. Juni ist der Tag des Schutzpatrons der Alpwirtschaft San Pietro und es werden Höhenfeuer entzündet: „Ein nur wenige Minuten lang leuchtendes Sternbild einsamer Existenzen.“ (S. 69) – ist das Bild, das Paolo Cognetti für uns so treffend zeichnet. Ganz genau charakterisiert er die Rottanne, die Waldkiefer, die Lerche und die Zirbelkiefer: „Die Waldkiefer bewundere ich wie einen Pionier. Sie ist der erste hochstämmige Baum, der Schutthalden und von Lawinen ausgefegte Rinnen besiedelt. Sie versenkt ihre Wurzeln zwischen den Felsen und hält sie mit diesem Netz zusammen.“ (S. 119)

Der Autor verschont uns mit seinen Erkenntnissen, die ein Jahr Einsamkeit mit sich bringen und die vor ihm schon so viele so treffend beschrieben haben, sondern lässt uns an diesem persönlichen Erlebnis teilhaben, so dass wir mit ihm zusammen aussteigen können und in Ruhe die Bergwelt betrachten und erkunden können. Passend zu dem kargen Leben, lässt er in den kurzen Kapiteln allen sprachlichen Ballast weg und konzentriert sich auf das Wesentliche.  Das Buch entschleunigt, lehrt uns vieles über die Welt der italienischen Bergmenschen und deren Leben, dass der Natur abgetrotzt werden muss.

Eine klare Leseempfehlung von mir für alle, die den Roman „Acht Berge“ gern gelesen haben, die Thoreau und Nature Writing lieben und die neugierig auf die Lebensumstände anderer Menschen sind.

Vielen herzlichen Dank an den Penguin Verlag für das kostenlose Leseexemplar.

Doch genug der Worte: Lesen Sie selbst!
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
Aus dem Italienischen von Barbara Sauser
Taschenbuch, Broschur, 176 Seiten (inkl. Leseprobe „Acht Berge“)
ISBN: 978-3-328-10420-9
12,00 €
Verlag: Penguin

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