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Rezension: Todesblues in Chicago von Ray Celestin

Chicago 1928: Prohibition, Al Capone und eine verstümmelte Leiche – das ist der Plot, in dem der zweite Teil des Autors Ray Celestin spielt und in dem wir Ida Davis und Michael Talbot wiederbegegnen. Beide haben wir in „Höllenjazz in New Orleans“ kennengelernt, beide arbeiten inzwischen für die Detektei Pinkerton. Sie werden von der wohlhabenden Mrs Van Haren beauftragt, nach ihrer vermissten Tochter zu suchen. Diese ist zeitgleich mit ihrem Verlobten Charles Coulton junior verschwunden und alles deutet auf eine Entführung hin. Bei ihren Recherchen stellen Ida und Michael fest, dass die Tochter aus gutem Hause es gern mit ihren Freunden am Wochenende krachen lässt. Zusammen mit ihrer Clique pilgert sie in die Amüsierschuppen in den von Schwarzen dominierten Vergnügungsvierteln. Dies geschieht über Mittelsmänner, die den Weißen die Eintrittskarten verschaffen. Hier begegnen wir Louis Armstrong wieder, der Ida bei den Ermittlungen im Jazz-Milieu unterstützt. Tatsächlich war Louis Armstrong zu dieser Zeit in Chicago und hatte mit dem Stück „West End Blues“ seinen Durchbruch. Er pflegte mit Al Capone ein freundschaftliches Verhältnis, so dass seine Begegnungen mit dem größten Gangster seiner Zeit nicht aus der Luft gegriffen sind. Während also Ida und Michael in den besseren Kreisen Chicagos ermitteln, schwingt immer die schillernde und brutale Unterwelt mit, die durch die Prohibition erst so richtig in Fahrt kam.

 

Ray Celestin hat dieses Mal zwar keinen realen Mordfall als Vorlage genutzt, aber dennoch viele Fakten in seinen historischen Krimi eingebaut, wie wir im Nachwort lesen können. Dieses gibt Anregungen zur weiteren Lektüre, vor allem in Bezug auf die Geschichte des Jazz. Ich habe keine Ahnung von Jazz, aber der Autor kann den Zeitgeist der Musik in den 1920er Jahren erstehen lassen. Man sieht die verruchten Keller-Bars vor sich, in der zuckende Leiber sich zu ekstatischen Klängen bewegen – nur schwer auszumachen in den dichten Rauchschwaden. Ich habe mir einige Stücke von King Oliver und Louis Armstrong aus der Zeit im Internet angehört, in der die ersten Schallplatten überhaupt aufgenommen wurden und so für die Nachwelt erhalten werden konnten. Die Musik ist faszinierend und die perfekte Untermalung beim Lesen dieses Buches. Ray Celestin schreibt in seinem Nachwort, dass sich der Aufbau des Buches am Aufbau von Armstrongs „West End Blues“ orientieren sollte, es ihm aber nicht ganz gelungen ist. Das wäre mir definitiv nicht aufgefallen, auch wenn die Kapitel Überschriften wie „Erster Chorus“ tragen. Am Ende des Buches befinden sich außerdem ein Personenverzeichnis, ein Glossar und eine Karte der Stadt Chicago mit den wichtigsten Fixpunkten an denen der Krimi spielt.

 

Wie immer bei einer Fortsetzung schwingt die Sorge mit, dass diese nicht die Qualität des ersten Buches liefern kann. „Todesblues in Chicago“ ist noch etwas dicker als Höllenjazz in New Orleans“, was diese Sorge bei mir nur noch verstärkt hat.  Am Anfang beschreibt mir der Autor zu sehr, anstatt zu erzählen. Das legt sich glücklicherweise relativ schnell, und es entsteht ein Puzzle aus sehr vielen Teilen, das sich erst am Ende vollständig auflöst. Ray Celestin hat mich mit dem zweiten Teil genauso gepackt wie mit dem ersten. Die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel und man fragt sich, wo die fast 600 Seiten mit einem Mal geblieben sind. Wir lernen neue Figuren kennen, wie den Tatortfotografen Jacob, der sich mit Ida und Michael gemeinsam an die Aufklärung des Falles macht. Ermittler im Namen Capones und Gegenspieler der drei ist Dante Sanfelippo, den Al extra aus New York anreisen lässt, um einen Verräter in den eigenen Reihen zu enttarnen. Allerdings verfolgt der Alkoholschmuggler ganz eigene Interessen und kämpft mit den Dämonen seiner Vergangenheit. Es sind viele Handlungsstränge, die wir beim Lesen verfolgen und einige Nebengeschichten, die die Hauptgeschichte bereichern. Man muss den ersten Teil übrigens nicht gelesen haben, um den zweiten Teil zu verstehen. Die Vorgeschichte der beiden Ermittler spielt kaum eine Rolle. Alles Wissenswerte über Ida, Michael und Louis aus dem ersten Teil liefert Ray Celestin mit.

 

Ich bin auf den dritten Teil der „City Blues Quartett“-Reihe gespannt: „Gangsterswing in New York“.

 

Vielen Dank an den Piper Verlag für das Leseexemplar.

Aber genug der Worte: Lesen Sie selbst!
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Übersetzterin: Elvira Willems
592 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-492-06104-9€ 16,00

Verlag: Piper

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