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Rezension: Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Ein nackter Mann am Strand von Cornwall, eine Welt, die gerettet werden muss und ein kleines Fischerdorf mit schrulligem Personal: das sind die Eckpfeiler von John Ironmongers Roman. Der nackte Mann entpuppt sich als Joe Haak aus London, der sich auf der Flucht befindet. Nachdem die Dorfbewohner von St. Piran ihn gerettet haben, ist es an ihm selbst, wenige Tage später den großen Wal zu retten, der zur gleichen Zeit in der Bucht gesichtet wird und in irgendeinem Zusammenhang mit ihm zu stehen scheint. In einer gemeinsamen Aktion der 300 Dorfbewohner gelingt es, das große Tier vom Strand ins Wasser zu bugsieren. Joe und der Wal lässt auch Nicht-Theologen an die biblische Geschichte von Jona und dem Wal denken. Joe ist der Held, der Wal die Gemeinschaft. John Ironmonger hat auch seinen Thomas Hobbes „Leviathan“ gelesen und stellt sich dessen These entgegen, wonach die die Menschen ohne die Staatsmaschine ihr hässliches Gesicht zeigen würden.

 

In seinem bisherigen Leben ist Joe Analyst einer großen Bank in der City, die auf fallende Kurse (Shortselling) spekuliert. Dies vermittelt John Ironmonger den Lesern durch Rückblenden. Als studierter Mathematiker entwickelt Joe einen Algorithmus, der auf Basis der weltweiten Nachrichten Prognosen für fallende Kurse ermittelt. Der Chef der Bank, Lew Kaufmann, kommt eines Tages auf ihn zu und möchte den Algorithmus weiter perfektionieren. Er will herausfinden, was die Kriterien sein müssten, um einen weltweiten Zusammenbruch der Finanzmärkte zu verursachen. „Wir sind nur drei Mahlzeiten von der Anarchie entfernt.“, erklärt ihm sein Boss den Zusammenhang zwischen Hunger und dem Kollaps der Systeme immer wieder. Als eines Tages die Kurse nicht wie vorhergesagt fallen und der Bank Verluste in Milliardenhöhe drohen, flieht Joe aus London aus Angst vor den Konsequenzen.

 

Im Buch geht es um die Gier der Menschen, den Egoismus und den schnöden Mammon. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, geht es nur noch um das eigene Überleben. Als das Programm Cassie (Kassandra – Sie wissen schon, die weißsagende Tochter von Trojas König Priamos, der keiner Glauben schenkte) einen weltweiten Kollaps prophezeit, will Joe gemeinsam mit der hübschen Pastorengattin Polly wenigstens das Dorf retten. Er kauft für sein gesamtes Vermögen Lebensmittel und lagert diese im Glockenturm der alten Kirche. Seine Befürchtungen bleiben, dass sich die Menschen gegenseitig an die Gurgel gehen, wenn es so weit ist. Doch als die Katastrophe tatsächlich eintritt, geht St. Piran einen anderen Weg. Joe ist verwirrt, welche Mechanismen im Dorf wirken. Wer bezahlt die Menschen für das Melken der Kühe? Wer vergütet ihnen die Zeit beim Fischen? Der Markt ist außer Kraft gesetzt und dennoch funktioniert die Versorgung innerhalb des Dorfes weiter.

 

John Ironmonger Schreibstil ist angenehm zu lesen. Eine nette Lektüre über die Hoffnung, dass es in Krisenzeiten Menschen gibt, denen das Schicksal anderer nicht egal ist, die einander helfen und gemeinsam überleben wollen. Dabei rutscht der Autor zu keiner Zeit ins Kitschige ab. Allerdings bleibt die Welt der Menschen außerhalb von St. Piran außen vor. Wir erfahren nichts von den Zuständen, die anderswo vorherrschen. Zweifellos wären das grausame Szenarien, wenn eine Grippewelle die Menschen dahinrafft und gleichzeitig die Lieferketten versagen. Der Autor verhandelt seine Dystopie durch Dialoge und die Auseinandersetzung mit verschiedenen Thesen zum Verhalten von Gemeinschaften und den heutigen globalen Abhängigkeiten der Landeswirtschaft. Wer also einen spannenden Action-Zukunftsroman erwartet, wird enttäuscht. Wer sich aber gern mit Denkansätzen beschäftigt, die auch noch unterhalten, ist bei John Ironmonger gut aufgehoben.

 

John Ironmonger ist Jahrgang 1954, in Nairobi geborgen und hat wahrlich keine typische Schriftsteller-Biographie, auch wenn er schon Zeit seines Lebens schreibt. Er ist ein politischer Aktivist und kennt sich in der Welt der Programmierer aus, hat er doch selbst in diesem Bereich gearbeitet. „Der Wal und das Ende der Welt“ ist sein viertes Buch, das auf Deutsch erschienen ist.

Vielen Dank an den S. Fischer Verlag für das Leseexemplar.

Doch genug der Worte: Lesen Sie selbst!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Übersetzt von: Maria Poets, Tobias Schnettler
480 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-10-397427-0

€ 22,00

Verlag: S. Fischer Verlag

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