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Rezension: WEST von Carys Davies

Auf gerade einmal 200 Seiten entführt uns die Autorin Carys Davies nach Pennsylvania 1815. Die gebürtige Waliserin schreibt Kurzgeschichten, für die sie auch schon Preise eingeheimst hat. Sie kann mit wenigen Worten großen Tiefgang erzeugen.

Cy Bellman ist Maultierzüchter und lässt seine 10jährige Tochter Bess in der Obhut der ruppigen Tante Julie, um nach Westen zu reiten und einem Traum nachzujagen: eines Tages liest er in der Zeitung von einem sensationellen Fund von riesigen Tierknochen mit gewaltigen Stoßzähnen in Kentucky und ist überzeugt davon, dass diese Tiere im unerforschten und wilden Westen nach wie vor leben. Dieser Gedanke lässt ihn nicht mehr los. Wie ein Getriebener reitet der hochgewachsene 35jährige Cy – ein Bär von einem Mann mit einem sanften Gemüt – gen Westen. Er erinnert an die Naturforscher, die trotz aller Gefahren, nicht anders konnten, als sich auf den Weg zu machen. Seine Schwester hält ihn für verrückt, seine Tochter für einen Helden und Elmer, sein Nachbar, für einen Abenteurer. Bess Mutter lebt schon lange nicht mehr und so fällt ihr der Abschied vom Vater sehr schwer.

Wir begleiten Cy nach Westen. Frohen Mutes reitet er durch den Sommer. Aber der Winter hat nichts mehr von Abenteuerromantik: Regen, Schnee und Hunger lassen die Reise beinahe Scheitern. Zwischendurch springen wir zurück nach Pennsylvania und schauen nach, wie es seiner Tochter ergeht. Sie wächst zu einer jungen Frau heran, die sich den Annäherungsversuchen von alten Männern erwehren muss und Zuflucht in Büchern findet, um das einsame Leben auf der Farm zu überstehen.

Carys Davies benutzt eine einfache Sprache und kurze Kapitel. Sie lässt Überflüssiges weg und schafft es sofort, den Leser in die Geschichte zu ziehen. Diese entwickelt einen großen Sog. Es ist eine Geschichte über die Sehnsucht, aus dem alten Leben auszubrechen. Aber auch eine über die große Leidenschaft zu einer Sache, die einen nicht mehr loslässt. Soll man dieser immer nachgeben? Egal, was man aufgibt und wen man zurücklässt? Vor allem auch, egal wie die Geschichte ausgeht und wie es den nahestehenden Personen damit ergeht?

Mich hat das Buch nachdenklich gemacht. Gerade heute ist anscheinend jeder auf der Suche nach dem optimalen Leben, der besten Möglichkeit, aus sich „etwas zu machen“ und ohne Rücksicht sich selbst zu verwirklichen. So jedenfalls kommt es mir manchmal vor. Und auch ich tappe immer mal wieder in diese Falle. Auf dem Weg zu sich selbst, kann man sich durchaus auch verlieren.

 

Eine Geschichte, die sich schnell liest, aber lange nachhallt

 

Vielen Dank an den Luchterhand-Verlag für das Leseexemplar.

Aber genug der Worte: Lesen Sie selbst!

 

Ihre Tanja Drecke

 

 

Details zum Buch:

Aus dem Englischen von Eva Bonné
Hardcover mit Schutzumschlag, 208 Seiten
ISBN 978-3-630-87606-1

€ 20,00

Verlag: Luchterhand

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