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Rezension: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea Wulf

Die Kulturhistorikerin Andrea Wulf hat etwas geschafft, was bisher nur sehr wenigen Autoren gelungen ist: mich eine Biografie vollständig und mit großem Vergnügen lesen zu lassen. Das ist zum einen ihrer bildhaften und eingängigen Sprache geschuldet, aber vor allem auch ihrer eigenen Begeisterung für den Allround-Wissenschaftler Alexander von Humboldt.

 

Durch Humboldt wurde Goethe zu seinem Faust inspiriert, Charles Darwin zu seiner eigenen Lateinamerikareise, die zu seinem Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ führte und Thoreau zu „Walden“. Humboldt brachte Kunst und Wissenschaft zusammen. Er war der Begründer der Umweltbewegung und des Nature Writings. Er benutzte als erster Forscher eine poetische Sprache, um Natur zu beschreiben. „Humboldt sah Amerika mit den Augen, die Goethe ihm gegeben hatte, und verfiel dem Zauber dieser Welt.“, schreibt Andrea Wulf (S. 102) und streut immer wieder Zitate seiner lyrischen Passagen ein „…‘von lebendigem Feuer glühte der Boden, als habe die sternvolle Himmelsdecke sich auf die Grasflur niedergesenkt‘.“ (S. 175). Das machte seine Werke zu absoluten Bestsellern, nicht nur unter Forscherkollegen, sondern bei allen Leserinnen und Lesern der damaligen Zeit. Ihm war es ein Anliegen, dass er nicht im Elfenbeinturm seine Forschungen betrieb, sondern alle interessierten Menschen daran teilhaben zu lassen. Er hatte verstanden, dass Natur für viele nur schützenswert sein würde, wenn sie diese in ihrem Ursprungszustand liebenswert fänden. Dem Zeitgeist entsprach das nicht. Erst wenn Natur vom Menschen gestaltet wurde – sei durch Landwirtschaft, Parks oder Gärten – wurde sie zu etwas Schönem. Aber Alexander von Humboldt sah die Auswirkungen menschlicher Gier auf seiner Lateinamerika-Reise und begriff, dass diese unweigerlich zur Zerstörung und zu einem Ungleichgewicht des Ökosystems führen würde. Er warnte schon damals vor den Folgen des menschlichen Eingreifens, wo es ohne Maß geschieht.

 

Aber Humboldt war nicht nur ein Naturforscher. Er war ein großer Kritiker der Kolonialpolitik in Lateinamerika und wurde dafür scharf von der spanischen Krone kritisiert. Er war ein absoluter Gegner der Sklaverei und ließ keine Gelegenheit aus, diese anzuprangern. Seine Neugier ließ ihn ohne Vorurteil auf Menschen in der ganzen Welt zugehen. Er hat sich nicht über die Urvölker Südamerikas gestellt, sondern mit ihnen Kontakt aufgenommen. Er hielt Kontakt zu vielen Politikern, wie zum österreichischen Außenminister von Metternich, den er unter Freunden „Mumienkasten“ (was für ein herrliches Wort!) nannte, weil er seine Politik für veraltet hielt (S. 244). Überhaupt konnte Humboldt ziemlich bissige Bemerkungen über seine Mitmenschen machen. Manche trauten sich gar nicht, eine Veranstaltung zu verlassen, bevor Humboldt gegangen war, aus Angst, er könnte über sie herziehen.

 

Neben Humboldts Lebensgeschichte, hat Andrea Wulf noch weitere Portraits von Persönlichkeiten und ihre Beziehung zu Humboldt in das Buch integriert. Von Goethe, Thoreau und Haeckel über Thomas Jefferson, Simón Bolívar und Charles Darwin bis hin zu George Perkins Marsh und John Muir erfahren wir vom Einfluss Humboldts auf ihr Werk und ihr Leben. Ich habe mir sofort eine Biografie von Charles Darwin gekauft, Goethes Faust wieder aus dem Regal gezogen und die fantastisch anmutenden Zeichnungen von Ernst Haeckel bewundert. Wie inspirierend muss es erst gewesen sein, diesem "größten Mann seit der Sintflut" (S. 345) persönlich zu begegnen.

 

Andrea Wulf lässt die damalige Zeit bildlich vor dem lesenden Auge auferstehen. Ich habe mir permanent gewünscht, dass ich bei den Treffen zwischen den Gebrüdern Humboldt, Goethe und Schiller in der lauschigen Laube dabei sein könnte, um diesen großen Denkern zuzuhören. Was müssen das für inspirierende Gespräche gewesen sein. Wie man vielleicht merkt, bin ich nicht nur begeistert von der Biografie über Humboldt, sondern auch von Humboldt selbst. Ich freue mich darüber, diesen deutschen Kosmopoliten für mich neu entdeckt zu haben, wofür ich Andrea Wulf sehr dankbar bin. Bei der Fülle an Publikationen, Schriften, Briefen etc., die Alexander von Humboldt hinterlassen hat, ist auch diese Biografie sicher nicht vollständig. Und so freue ich mich schon auf weitere Bücher über Humboldts Leben, die mich hoffentlich genauso begeistern werden.

 

Wärmstens kann ich die Graphic Novel von der gleichen Autorin über die Reise von Humboldt und Bonpland empfehlen, über die wir hier schon mal im Mai berichtet haben. Für große und kleine Leser ein toller Zugang zum Menschen und Forscher Humboldt.


Ach, es gäbe noch so viel mehr über Alexander von Humboldt zu erzählen, aber das soll hier ja keine Nacherzählung werden. Deshalb: Genug der Worte – lesen Sie UNBEDINGT selbst die Biografie über Humboldt von Andrea Wulf.


Vielen Dank an den Penguin-Verlag für das Leseexemplar.


Ihre Tanja Drecke

 

Details zum Buch:
Aus dem Englischen von Hainer Kober
Paperback , Klappenbroschur, 560 Seiten, 15 farbige Abbildungen, 69 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-328-10211-3
€ 15,00
Verlag: Penguin
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.