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Kennen Sie eigentlich Hardy Engel?

Hardy Engel ist „Der Mann, der nicht mitspielt“ und der brandneue Protagonist von Christof Weigold. Der Debüt-Roman des Autors ist gerade im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen, die uns netterweise ein Leseexemplar zur Verfügung gestellt haben. Ich war schon mal vom Erscheinungsbild des über 600 Seiten starken Krimis sehr angetan. Das schwarz-weiße Cover mit der goldenen Schrift, der goldene Einband unter dem Schutzumschlag und das goldene Lesebändchen passen hervorragend zum Plot: Hollywood in den Roaring Twenties – eine Welt voller Glitzer, Glamour, Drogen, Sex und Intrigen.

Der Autor hat für seine Krimis unaufgeklärte, reale Fälle als Vorlage genutzt und lässt seinen deutschen Ermittler Hardy Engel im ersten Fall den Mord an dem Starlet Virginia Rappe untersuchen. Diese kommt auf einer wilden Party des damaligen Stummfilmstars Roscoe „Fatty“ Arbuckle ums Leben. Fatty Arbuckle war – by the way – der erste Schauspieler in einer filmischen Tortenschlacht, die er sehr geliebt haben soll. Der Fall wurde damals nie endgültig geklärt. "Fatty" wurde zwar freigesprochen, seine Karriere war aber dennoch beendet.

Christof Weigold lässt nun Hardy Engel ermitteln, wie es hätte sein können. Dabei verwebt er Fakten und Fiktion zu einem plausiblen Plot. Der ehemalige Polizist und Soldat ist nach dem Krieg nach Hollywood ausgewandert, um sein Glück als Komiker und Schauspieler zu versuchen. Da sich der Erfolg im Filmbusiness nicht so recht einstellen will, verdingt er sich zusätzlich mehr schlecht als recht als Privatdetektiv. In dieser Funktion sucht ihn Pepper Murphy auf, eine attraktive Rothaarige, die ihn im Namen ihres Bosses beauftragt, nach Virginia Rappe zu suchen, die spurlos aus Los Angeles verschwunden ist. Die erste rauchgeschwängerte Szene der kühlen Schönheit, die auf den verlebten Privatdektive mit ganz eigener Moral trifft, erinnert an Raymond Chandler.

Hardy Engels Suche führt ihn nach San Francisco zu eben jener ausschweifenden und für Virgina Rappe verhängnisvollen Party von Fatty Arbuckle. Neben seinem Auftrag für Pepper hat ihn sein deutscher Freund und Sicherheitschef Fitz von Famous Players-Lasky (später Paramount) gebeten, Fatty einen dicken Batzen Kokain mitzubringen, den Hardy auch ausliefert. Dabei trifft er Virigina Rappe, die splitternackt und unter starken Schmerzen von der Orgie weggetragen wird. „Er hat mir wehgetan…“ sind ihre Worte, als sie an Hardy vorbeigetragen wird. Er hat eigentlich beide Aufträge abgeschlossen, doch seine Ermittlungen sollen gerade erst ins Rollen kommen. Und die weitreichenden Konsequenzen für sein eigenes Leben sind für ihn noch unabsehbar.

Christof Weigold zeichnet ein Panorama von Hollywood, das es locker mit Sodom und Gomorrha aufnehmen kann. Korruption, Prostitution und schamloser Machtmissbrauch sind alltäglich. Dementsprechend ist die Filmindustrie den Presbyterianern und auch den Frauenbewegungen ein Dorn im Auge. Der Skandal liefert ihnen den perfekten Anlass, gegen das lasterhafte Hollywood und die anrüchigen Filme vorzugehen. Alle Filmbosse der großen, noch heute existierenden Studios sehen eine landesweite Zensur auf sich zukommen. Und so entwickeln die Chefs von Universal, Paramount Pictures & Co. – allen voran der deutsche Carl Laemmle – die Freiwillige Selbstkontrolle – Lobbyarbeit at its best: Sie setzen Will H. Hays ein, ehemaliger Wahlkampfmanager des republikanischen Präsidenten Harding, der eine Sammlung moralischer Grundsätze für die Erstellung von Filmen entwickeln sollte. Daraus entstand dann später der sogenannte Hays-Code.

Das Buch ist erschreckend aktuell, zum einen wenn es um die #meetoo-Debatte geht, zum anderen wenn es um die Manipulation von Mediennutzern geht. William Hearst ist einer derjenigen, die den Fall für seine Zwecke ausschlachten, der im Krimi allerdings an der Wahrheit genauso wenig interessiert ist, wie die Studiobosse oder die Stars, die es sich 1921 gerade so richtig gemütlich gemacht hatten in Hollywood.

Ein Krimi, den jeden Cineasten, jeden Fan von Detektiv-Stories und Geschichten aus den 1920er Jahren begeistern wird. Was in diesem Buch geraucht und getrunken wird, trotz Prohibition, geht auf keine Kuhhaut und entspricht irgendwie genau dem Bild, das wird von dieser Zeit haben. Außerdem habe ich eine Menge über die Anfänge Hollywoods gelernt, denn Christof Weigold hat sehr gut recherchiert und gekonnt Fakten mit Fiktion verwoben. Man merkt dem Autor an, dass er Drehbücher schreibt und für Film und Theater tätig ist, und so sieht man als Leser bereits die Verfilmung vor sich. Ein gelungener erster Fall, der neugierig macht auf den zweiten Teil.


Vielen Dank an den Kiwi-Verlag für das Leseexemplar!

Lesen Sie wohl!
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
640 Seiten, gebunden mit SU
ISBN: 978-3-462-05103-2
22,00 €
Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.