Die Geschichte der Bienen - Roman von Maja Lunde

Dieser Roman von Maja Lunde hat mich vor allem wegen der spannenden Erzählweise und aufgrund des Themas gepackt. Wir hier im Alten Land wissen um die Wichtigkeit der Bienen. Schon vorher war ich erschreckt über die Nachrichten des Bienensterbens. Nach der Lektüre der Geschichte der Bienen bin ich mir noch mehr bewusst, wie viel Sorgen uns diese Nachrichten machen müssen. Denn dieser Roman ist nicht nur spannend, vermittelt nicht nur sehr viel Wissen, er malt auch eine Zukunft, die uns alle erschrecken sollte.

 

Die norwegische Autorin hat mit ihrem Debütroman sofort einen Volltreffer gelandet. Erst eroberte sie in ihrem Heimatland und nun in Deutschland die Bestsellerlisten. Aktuell ist die Geschichte der Bienen immer noch Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste.

Maja Lunde lässt drei Protagonisten in der Ich-Perspektive erzählen, deren Familien mit dem Schicksal der Bienen eng verwoben sind: William, der 1852 in England die Idee für einen völlig neuen Bienenstock entwickelt, um Bienen besser erforschen zu können und ihren Honig ohne Beeinträchtigung für die Tiere ernten will. George, der 2007 in den USA um das Überleben seiner Honigfarm kämpft und vom sogenannten CCD - Colony Collapse Disorder überrascht wird, einem Phänomen, das 2006 in den USA tatsächlich auftritt und bis heute nicht endgültig erforschte wurde.  Dabei finden die Imker ihre Bienenstöcke von einem Tag auf den anderen mehr oder weniger verlassen vor. Alle Arbeitsbienen sind verschwunden und lassen die Königin, die Brut und einige junge Bienen zurück. Und schließlich lernen wir Tao kennen, eine junge Chinesin, die im Jahre 2098 als menschliche Bestäuberin in Sichuan arbeitet, einer Region, in der die Bienen schon lange ausgestorben sind, weit vor dem weltweiten Kollaps, der im Buch immer wieder erwähnt wird.

Keine leichte Kost also und so spannend wie ein Krimi. Im Wechsel erzählen die drei Protagonisten ihre Geschichten. Der Leser will wissen, ob es William gelingt, DEN Bienenstock neu zu entwickeln und zu wissenschaftlichem Ruhm zu kommen. Ob er endlich seinen Mentor „Rahm“ beeindrucken und seine Familie aus der Armut führen kann. Auch George kämpft um seine Existenz, weil er den Wahnsinn nicht mitmacht, seine Bienen tausende von Kilometer zu transportieren, um Blüten zu bestäuben, wie es sein alter Schulkollege und Nachbar tut und damit reich wird. Er baut seine Bienenstöcke selbst und bleibt dennoch nicht verschont. Und in der düsteren Zukunft rätselt man mit Tao, woran ihr kleiner Sohn Wei-Wen plötzlich erkrankt ist, so dass er ins weit entfernte Peking gebracht wird. Auf ihrer Suche nach ihrem Sohn und der Jagd nach Informationen durch eine verrohte Geisterstadt, in der die U-Bahn nur noch durch einige wenige belebte Stadtviertel fährt, erfährt der Leser die Gründe für den Kollaps unserer Welt.

Auffallend sind die Parallelen, wenn es um die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen geht. Die Erwartungen von William und George an ihre männlichen Nachkommen werden enttäuscht und sind vor allem durch Sprachlosigkeit geprägt. Die Mütter haben den Draht zu den jungen Männern und versuchen zu vermitteln, zu beschützen. Dennoch haben sie eher die Rolle der Hausfrauen, die im Hintergrund alles zusammenhalten, während die Männer versuchen das Geld zu verdienen. Lediglich Tao in der Zukunft übernimmt hier den aktiveren, mutigeren und fordernden Part ein. Ihre Sicht der Dinge verhilft den Menschen erneut zur Hoffnung. Ist es vielleicht an der Zeit, den weiblichen Weg einzuschlagen?

Am Ende verbindet Maja Lunde die drei Schicksale miteinander und die Erkenntnisse von Georges Sohn Tom werden in der Zukunft für Hoffnung Sorgen. Eine Geschichte, wie sie wohl oft zu erzählen wäre: Menschen, die fasziniert sind von der Natur, sie erforschen wollen, sie nutzen wollen. Menschen, die dann diese doch eigentlich schon perfekte Natur weiter optimieren wollen, sie gänzlich effizient nutzen und das letzte rausholen wollen, um sie damit letztendlich ganz zerstören.

Maja Lunde vermittelt sehr viel Wissen über die Bienen in diesem Roman. Er ist sehr gut recherchiert und verarbeitet die aktuellen Fakten über CCD, Varroamilben und menschlich Bestäuber. Auf die Frage, warum die Zukunft in China angesiedelt ist, hat Maja Lunde in einem Interview erklärt, dass es menschliche Bestäuber tatsächlich schon lange in Sichuan gibt. Der Grund ist das Fehlen von Insekten in dieser Region. Eine Tatsache, die für mich vollkommen neu war. Dies macht auch die Aussage von Tao über den relativ guten Zustand ihres Landes nach dem Kollaps plausibel, da China eben frühzeitig anfangen musste, diese Technik zu erproben.

Dieser Roman schwirrt mir sicher noch lange im Kopf herum – weil er gut geschrieben ist, weil er ein wichtiges Thema unserer Zeit aufgreift ohne zu belehren und weil ich mir wünsche, dass wir irgendwann aufwachen und die Zukunft aus diesem Roman zu verhindern wissen.

 

Tanja Drecke

 

 

Vielen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

 

Buchdetails:
Maja Lunde, Die Geschichte der Bienen

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten, 12,5 x 20,0 cm

Verlagt: btb
ISBN: 978-3-442-75684-1
Preis: 20,00 Euro
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