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Die Tyrannei des Schmetterlings – Frank Schätzing

Mit großer Multimedia-Show hat Frank Schätzing seinen neuen Wissenschaftskrimi vorgestellt: Sphärische Gitarrenklänge untermalten die Lesung und das Gespräch zwischen Elmar und seiner von ihm geschaffenen künstlichen Intelligenz ARES. Große Erwartungen wurden geweckt, was sich der Autor auf über 700 Seiten für seine Leser*innen ausgedacht hat. Das Cover und die Aufmachung des Romans sind auf jeden Fall sehr gut gelungen.

„Die erste ultraintelligente Maschine ist die letzte Erfindung, die der Mensch je machen wird.“ (Nach Irving John Good) – mit diesem Zitat beginnt Frank Schätzing sein neues Buch. Im ersten Teil entführt er uns nach Afrika, wo eine Söldnertruppe von mysteriösen Wesen zur Strecke gebracht wird. Ein Einstieg, der die Leser überrascht und erst einmal ratlos zurücklässt.

Im zweiten Teil geht es dann an den eigentlichen Schauplatz der Geschichte, nämlich in die USA, genauer gesagt in die Sierra Nevada in Kalifornien. In diesem einsamen Landstrich treffen wir auf den Hauptprotagonisten Luther Opoku, ein Undersheriff in tiefster Provinz, der mit seinen Dämonen aus der Vergangenheit kämpft und mit entlaufenen Hunden, toten Katzen und chronisch unterbesetztem Sheriffbüro. Begleitet wird er von seiner Kollegin Ruth Underwood, die ihrerseits von den dunklen Schatten ihres Vorlebens immer wieder eingeholt wird. Die beiden werden zu einer Leiche gerufen, die wie „ein blutiger Engel“ in einem Baum über einer Schlucht schwebt. Unfall oder Mord? Am Tatort bleiben viele Fragen ungeklärt: Warum verlässt die Frau ihr Auto – ein wahres Schlachtschiff von Firmenwagen, das sie offensichtlich vor einen Baum gesetzt hat – mitten in der Nacht und rennt ungebremst in dichtes Gestrüpp, das ihr zum Verhängnis wird? Wer war der zweite Mensch am Tatort, dessen Fußspuren sich dort finden? Frank Schätzing findet immer wieder starke Bilder, um die Szenen zu beschreiben. Der Krimi nimmt seinen Anfang und Fahrt auf.

Die Ermittlungen führen zu einer riesigen Forschungsanlage, gesichert wie ein Militärstützpunkt, denn die Tote war eine der wichtigsten Mitarbeiterinnen des Betreibers:  Nordvisk Inc., aus dem Silicon Valley. Der Gründer des Technologie-Riesen, Elmar Nordvisk, kommt persönlich in das abgeschiedene Hochgebirge, um Luther das Areal zu zeigen. Mit im Gepäck sein CEO Hugo van Dyke. Elmar Nordvisk hat keinen geringeren Anspruch als alle Geißeln der Menschheit mit einer Superintelligenz zu lösen. Diese soll nur Gutes tun. Niemals dürfe Kriegstechnologie von Nordvisk ausgeliefert werden. Bis Seite 400 erahnen wir als Leser den Plot, bevor Schätzing uns die Story in Gänze erfassen lässt.

Musste diese Dystopie über 700 Seiten stark sein? Meiner Meinung nach hätten weniger Seiten dem Buch gut getan, um der Story mehr Rasanz zu geben. Die wenig gelungenen Landschaftsbeschreibungen habe ich mehr als „Beweis“ des Autors empfunden, dass er selbst dort war und gründlich recherchiert hat. Denn das hat er ohne Zweifel. Wer wissen möchte, wie Silicon Valley tickt, findet hier gelungene Einblicke in diese Welt der disruptiven Technologien. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass das Buch so seitenstark ist, denn dafür sind Frank Schätzings Bücher nun einmal bekannt.

Insgesamt fand ich das Buch spannend, aber wenig überraschend. Mir war mehr oder weniger von Anfang an klar, worauf die Story abzielt und wie sie sich auflöst. Vor allem der Supercomputer, der nicht mehr ganz so will, wie sein Erschaffer, ist nicht neu. Science Fiction ist sicherlich oft Action-getrieben, aber sie lebt auch von neuen Ideen einer alternativen Zukunft. Diese Szenarien fehlen dem Roman leider weitestgehend. Anders als in „Der Schwarm“, wo ich die Idee des Romans brillant und absolut neu fand, gibt es hier viele Kleinigkeiten, die andere Bücher oder Filme bereits aufgegriffen haben. Es gibt aus meiner Sicht auch einen Logikbruch, den ich hier aber nicht näher beschreiben möchte, weil er zu viel verraten würde. Die Bösewichte bleiben Klischeehaft und flach. Das gilt sowohl für Jaron, den Sicherheitschef außer Kontrolle, ein breitschultriger Ex-Elitesoldat mit Superhirn, als auch für seine Gehilfin Grace, die kaltblütige schwarze Schönheit, die über Leichen geht und tatsächlich sehr an Grace Jones erinnert.

Wer Lust hat auf einen spannenden Krimi, der in der nahen Zukunft spielt und einen guten Einblick in die Technikmöglichkeiten von heute und morgen gibt, ist mit diesem Roman bestens bedient. Alle Infos zum Buch gibt es auf der entsprechenden Internetseite.

Vielen herzlichen Dank an den KiWi-Verlag für das Leseexemplar.


Lesen Sie wohl!

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch
736 Seiten
Gebunden in Schutzumschlag
Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05084-4
€ 20,00

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