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Dr. Siri und die Tränen der Madame Daeng von Colin Cotteril

Die Reihe um den pensionierten Pathologen Dr. Siri in Laos haben wir hier schon einmal vorgestellt. Nun ist der 10. Band der Reihe erschienen, in der Dr. Siri ein anonymes Paket mit einem handgewebten farbenfrohen Rock, einem sogenannten phasin, erhält. Dieses traditionelle Kleidungsstück wäre ein erfreuliches Geschenk gewesen, wenn in seinem Saum kein Finger eingenäht worden wäre. Siri muss erst einmal recherchieren, wo der Rock herkommen könnte und greift auf sein Netzwerk skurriler Helferinnen und Helfer zurück. Schnell wird klar, dass dieses Kleidungsstück aus dem Norden von Laos stammen muss. Leider ist in dem kommunistischen Land nicht so einfach, eine Reiseerlaubnis zu erhalten. Zu allem Überfluss ist Siris Lieblingsfeind, Richter Haeng, nicht mehr in Amt und Würden. Ihm wird vorgeworfen, eine seiner Konkubinen misshandelt zu haben, denn wie sich herausstellt, hat der Richter ein ganzes Netzwerk solcher Damen in der Hauptstadt Vientiane verteilt. Wer hätte das gedacht? Siri muss also erst einmal die Unschuld des Richters beweisen, um an seine Reisegenehmigung zu gelangen.

Um dem chaotischen Leben in seinem Haus zu entfliehen, würde Siri fast alles tun. Dort haben sich nämlich sämtliche Vagabunden niedergelassen, die Siri und Daeng im Laufe der Zeit gesammelt haben. Bisher war es keine Problem, diese alle zu beherbergen, da die beiden über der Nudelküche von Madame Daeng wohnten. Das Gebäude wurde jedoch im letzten Teil Opfer eines Anschlags auf die beiden.

Siris inneren Mitbewohner, die Geister der Verstorbenen, die auf seinem Tisch landeten, sind natürlich wieder mit von der Partie: dieses Mal bereichert durch die ehemalige Wahrsagerin Tante Bpoo, die kürzlich verstorben ist. Leider hat Siri immer noch keinen Weg gefunden, um mit seinen Geistern zu kommunizieren, aber vielleicht findet er ja in diesem Teil den Schlüssel dazu.

Siri und Madame Daeng machen sich schließlich auf die Reise in den Norden, an deren Grenze zu China es einmal mehr zu Unruhen kommt: Die Vietnamesen marschieren in Kambodscha ein und China „is not amused“. Parallel wird Inspektor Phosy in den Norden geschickt. Der Mann von Dr. Siris ehemaliger Assistentin Dtui soll den Tod zweier Dorfvorsteher aufklären, die gewaltsam zu Tode gekommen sind. Der Fall gibt einige Rätsel auf. Die Einmischung eines brutalen chinesischen Vorarbeiters bringt nicht nur Phosy, sondern auch seine Frau und Tochter in Gefahr.

Wie sich herausstellt, ist Civilai, pensionierter Parteibeamter und Siris bester Freund, auf geheimer diplomatischer Mission im Norden unterwegs, und so kann das greise Ermittlerteam wieder gemeinsam an die Lösung des Falles gehen. Sie stoßen auf einen grausamen Fall mit ungeahnten Dimensionen, bei dem sie mehr als einmal nur knapp selbst der Katastrophe entkommen. Eine alte Bekannte taucht dann zu allem Überfluss auch noch auf, von der alle gehofft hatten, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Colin Cotteril hat mit dem 10. Band wieder einmal einen unterhaltsamen Krimi geschrieben, der gespickt ist mit viel britischem Humor. Wie bei jedem Fall sind die Dialoge zwischen Siri und Civilai für mich die absoluten Highlights, mal abgesehen davon, dass man viel lernt über die Region rund um Laos und ihre politisch mehr als bewegte Vergangenheit. Civilais Befürchtung, dass Laos China den Krieg erklären könnte, kommentiert Siri lachend mit „Na, der Krieg würde nicht lange dauern“,…“Schon am ersten Tag würde uns spätestens nach dem Morgentee die Munition ausgehen, und wir müssten mit Stöcken werfen. Was der Gegner vermutlich als Sarkasmus interpretieren würde. Und mit Sarkasmus hat noch niemand einen Krieg gewonnen.“

Auch Siris Einfälle, dem laotischen System und der Mentalität seiner Landsleute ein Schnippchen zu schlagen, sind absolut amüsant. Als ihm ein Bote ein Nachricht überbringt und erwartet, dass Siri sich von seiner Gartenpforte zur Bordsteinkante bewegt, damit er nicht von seinem Gefährt absteigen muss, entwickelt sich folgender Dialog:

Siri: „Ich habe Neuroabstroperose.“
Bote: „Was?“
Siri: „Ein Nervenleiden. Ich kann nicht laufen.“
Bote: „Aber Sie haben es doch auch bis zum Tor geschafft.“
Siri: „Weil mir jemand einen ordentlichen Stups und den nötigen Schwung gegeben hat. Aber wenn ich erst einmal stillstehe, komme ich von selbst nicht wieder in Gang…“
Der Bote geht also verblüfft zum Zaun und überreicht Siri den Brief.
„Sie starren sich an. „Soll ich Sie anschubsen?“, fragt der Junge. „Das wäre prima.“. Dementsprechend verwirrt ist Madame Daeng, als Siri rückwärts zum Gartentisch gestolpert kommt. (S. 72/73).

Ich könnte hier jetzt noch viele Stellen zitieren, die mich zum Schmunzeln gebracht haben, so begeistert bin ich immer wieder über diese Krimireihe. Sie ist sicherlich eine der ungewöhnlichsten Serien, die wir auf dem deutschen Buchmarkt haben, und ich bin sehr froh, dass ich diese durch den Tipp einer Besucherin in der Stadtbibliothek entdeckt habe.

Vielen herzlichen Dank an den Goldmann-Verlag für das Leseexemplar und das Herausbringen dieser mehrfach ausgezeichneten Krimireihe. Wer mehr über den Autor wissen möchte, findet auf seiner nicht weniger skurrilen Website weitere Informationen.

Aber genug der Worte... lesen Sie selbst.
Ihre Tanja Drecke

 

 

Details zum Buch:
Aus dem Englischen von Thomas Mohr

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten

ISBN: 978-3-442-31474-4

€ 20,00

 Verlag: Goldmann

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