· 

Eine Geschichte der Wölfe von Emily Fridlund

Schauplatz dieses Debütromans der 39jährigen Autorin Emily Fridlund aus den USA sind die riesigen Wälder Minnesotas mit ihren fischreichen Seen und ihren harten Wintern. „In diesem Jahr brach der Winter über uns zusammen. Erschöpft ging er in die Knie und blieb dort.“ (S. 16) Dieses Buch hat mich sprachlich und inhaltlich beeindruckt. Emily Fridlund schreibt lyrisch ohne dabei Schönheit zu beschreiben, sie findet Bilder für Natur, Menschen und ihr Verhalten, die beeindrucken. Sie wirft einen schonungslosen und differenzierten Blick auf die Verantwortung für das eigene Handeln und seine Verknüpfung mit tief verwurzelten Sehnsüchten. Ein Roman mit sehr viel Tiefgang.

Die Geschichte wird aus Sicht der 37 Jahre alten Linda erzählt, die im ersten Teil des Buches mit dem Titel „Wissenschaft“ 14 Jahre alt ist. Als Kind einer ehemaligen Hippie-Kommune gilt sie in der Highschool als Außenseiterin. Ihr Leben spielt sich in Loose River ab, einem kleinen Kaff, in dem nicht nur jeder jeden kennt, sondern auch gleich die jeweilige Lebensgeschichte. Als eine neue Familie gegenüber von Lindas Zuhause am See einzieht, ändert sich ihr Leben. Sie lernt die Mutter Patra und ihren  4jährigen Sohn Paul kennen, dessen Babysitterin sie wird. Mit Lindas Erinnerung an Paul beginnt der Roman. Schon auf den ersten Seiten wird klar, dass es für den kleinen Jungen kein Happy End geben wird: „Vor Paul kannte ich nur einen Menschen, der vom Leben zum Tod übergewechselt ist“ (S. 12), lässt Emily Fridlund Linda denken. Dieser Satz verrät viel über das Buch: Paul ist nicht gestorben für Linda, er ist vom Leben zum Tod gewechselt. Das hört sich viel weniger endgültig an, als den Tod zu benennen. Warum Linda das so für sich denken muss, ist am Ende des Buches klar, denn Linda plagt das schlechte Gewissen.

Linda ist ein zutiefst einsames Mädchen, dessen Eltern es wenig kümmert, wie und wann sie nach Hause kommt oder was sie bei den völlig wildfremden Menschen am gegenüberliegenden Ufer treibt. Ganz in ihrer Hippie-Mentalität verhaftet, geben sie diesem Kind einen Freiraum, der ihr die Kindheit raubt. Sie muss Verantwortung für sich selbst, die Haustiere und das Funktionieren des Alltags übernehmen. Linda sehnt sich verzweifelt nach Liebe und Geborgenheit. Sie küsst den pädophilen Lehrer und Patra, um sich selbst spüren zu können, um sich ihrer Liebe zu versichern und sich förmlich anzubiedern: „…und aus einer plötzlichen Laune heraus küsste ich sie auf die Lippen, während ich sie im selben Augenblick zutiefst hasste und viel mehr als das tun wollte.“ (S. 273). Das Desinteresse ihrer Eltern hat tiefe Wunden geschlagen.

Für Linda ist die neue Familie mit dem abwesenden Vater, dem kleinen Paul und seiner kleinen, fast unsichtbaren Mutter ein Rettungsanker. Sie möchte zu dieser Familie gehören, von der Mutter geliebt werden, und Paul ist der Schlüssel dazu. Indem sie sich um ihn kümmert, kann sie bei Patra sein, die unermüdlich die wissenschaftlichen Arbeiten ihres ständig abwesenden Mannes korrigiert. Lindas innere Sehnsucht, ihre Bedürftigkeit führt dazu, dass sie die Augen vor der Realität verschließt und nicht kommen sieht, wohin sich die Ereignisse entwickeln, auch wenn sie unterbewusst sehr wohl registriert, dass hier etwas im Argen liegen muss.

Als der Vater auf der Bildfläche erscheint, wird offensichtlicher, dass etwas mit Paul nicht stimmt. Aber die Eltern verhalten sich auf einmal nicht mehr so wie liebevolle, verantwortungsbewusste Eltern. Im Grunde genommen verhalten sie sich so, wie Linda es schon von ihren Eltern kennt: einem Ideal verhaftet, weisen sie jegliche Verantwortung von sich und überlassen sie höheren Instanzen bzw. ihren Kindern. Und ist das Ideal verbraucht, wenden sie sich dem nächsten zu: sei es nun einer Ideologie oder einer (Pseudo-)Religion. Aber Linda will nicht, dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt, zu der sie so dringend gehören möchte, von deren Mutter sie so gerne geliebt werden möchte. Sie hasst Patra dafür, dass sie nicht die Mutter ist, die Verantwortung übernimmt, die Linda erneut zwingt, die Verantwortung zu tragen und zu handeln. Und deshalb kann sie Paul auch nicht retten. Ihre Versuche zu helfen, bleiben Versuche.

Es ist fast zwingend, dass Linda als Erwachsene nur schwer mit Beziehungen umgehen kann, auch wenn sie mit dem pragmatischen Rom einen Menschen gefunden hat, der sie durchschaut hat und versucht, ihre Dämonen aus der Vergangenheit mit ihr zu bewältigen. Aber so einfach ist das für Linda nicht. Sie beendet die Beziehung als sie ihrer Mutter zur Hilfe kommen muss.

Die Idylle, die die Camper in der abgeschiedenen Natur suchen, wenn sie in Scharen in die Region einfallen, um möglichst fette Fische aus den Seen zu ziehen, will sich bei Emily Fridlund nicht einstellen: „In der Woche vor dem Memorial Day schrieben wir die letzten Prüfungen. Sämtliche Fenster wurden von Linealen offen gehalten. Hier und da starb eine Libelle an einer Scheibe.“(S. 105) Die Autorin ist selber im ländlichen Minnesota aufgewachsen und weiß, dass die Natur zwei Seiten hat: Schönheit und Gefahr.

Ich kann T.C. Boyle nur zustimmen, der über das Buch geschrieben hat „Poetisch, komplex und überaus herzzerreißend und schön.“ Eine absolute Leseempfehlung.

Vielen Dank an den Berlin Verlag für das Leseexemplar.

Eine lesereiche Zeit!
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:

Deutsch von Stephan Johann Kleiner
Hardcover mit Schutzumschlag, 384 Seiten
ISBN 978-3-8270-1367-5

22,00 €
Verlag: Berlin Verlag
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.