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Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve

Selten fiel es mir so schwer, aus einem Roman wieder aufzutauchen. Aber Karen Duves Roman über eine kurze Episode im Leben der Freifrau Annette von Droste zu Hülshoff, der wohl bedeutendsten Schriftstellerin mindestens des 19. Jahrhunderts, hat mich so tief in die Jahre 1817 bis 1820 eintauchen lassen, dass ich so gar nicht wieder zurück in die Gegenwart wollte. Besser ging der literarische Auftakt 2019 nicht.

Wir lernen Annette, kurz Nette, im Alter von 20 Jahren kennen. Als Frühchen 1797 geboren, ist sie eine kränkliche, schmächtige Person, die extrem kurzsichtig ist und immer wieder von peinigenden Kopfschmerzen geplagt wird. Sie geht ihren Verwandten, den zahlreichen Tanten und Onkeln Haxthausen, mächtig auf die Nerven: Denn Nette ist Vorlaut, mischt sich in Männergespräche ein und dichtet auch noch, statt sich dem Sticken und Stricken zu widmen, wie es die gut erzogenen, stillen Tanten und ihre Schwester Jenny vorbildlich tun. Wahrlich ein Weib mit zu viel männlichen Gehabe!

Ein ums andere Mal zieht sie sich den Zorn ihres Onkels August von Haxthausen zu, weil sie sich ungebührlich gegenüber seinen intellektuellen Freunden benimmt, wenn diese auf dem Bökerhof zu Gast sind. Besonders Wilhelm Grimm hat nahezu Angst vor Nettes scharfer Zunge, nachdem sie ihn mit seinem Nachnamen aufzieht und ihn Wilhelm Unbill nennt – aus heutiger Sicht doch eher niedlich – aber damals eine Unmöglichkeit, vor allem von einer Dame. So manche Geistesgröße lernen wir im Roman näher kennen: die Gebrüder Grimm, Heinrich Heine, Hoffmann von Fallersleben und auch Goethe wirkt im Hintergrund.

Ihre schriftstellerischen Ambitionen werden zwar eine Zeitlang gefördert – sie darf sich in Münster bei Strickmann literarisch bilden, und dieser sieht auch ihr Talent – aber im Großen und Ganzen ist der Familie die Autorin Annette eher peinlich. Als der von August Haxthausen hoch geschätzte und finanziell unterstützte Dichter und Langzeitstudent Straube auf dem Bökerhof zu Gast ist, kann dieser die Augen gar nicht mehr von Nette lassen. Er schätzt ihre Art, obwohl sie ihn gleich bei ihrer ersten Begegnung sehr beleidigt und brüskiert. Aber Straube kann verzeihen und schätzt sowohl ihre Klugheit als auch ihr Talent. In den höchsten Tönen lobt er ihre Gedichte – sehr zum Leidwesen von August, der Straube selber als neuen Goethe sieht. Auch Annette fühlt sich dem sensiblen, fröhlichen Mann sehr zugetan und so entsteht eine Herzensfreundschaft, die manchmal auch ein wenig darüber hinausgeht. Natürlich ist eine Verbindung zwischen dem mittellosen bürgerlichen Straube und der Freifrau Annette undenkbar. Eine böse Intrige zerstört dann auch das zarte Glück der beiden Freigeister und endet in einer Jugendkatastrophe für Nette. Was gewesen wäre, wenn Nette anders gehandelt hätte – wir werden es nie erfahren. „Hätte, hätte, Epaulette.“ (S. 26). Annette wird nie heiraten.

Mit einer unglaublichen Leichtigkeit und feinem Humor zeichnet Karen Duve ein Gesellschaftsbild der damaligen Zeit und lässt die letzten Jahre der Romantik und ihre historisch verbrieften Personen lebendig werden. Ich fühlte mich beim Lesen wie in die Zeit gebeamt. Annette von Droste zu Hülshoff war eine Frau, die sich den gesellschaftlichen Konventionen, die den Frauen der damaligen Zeit auferlegt wurden, nicht beugen wollte. So gerne wäre sie ein Mann, um zu dichten, zu reisen und im wilden Galopp über die Felder zu sprengen. Einige kurze Jahre übt sie die Rebellion, aber durch die Zerstörung ihrer Liebe/Freundschaft zu Straube hat sie das Gefühl sich selbst bestrafen zu müssen und versinkt noch tiefer in ihrer Religiosität. Lange Jahre schreibt sie gar nicht. Aber die Zeit heilt die Wunden und als dann ein jugendlicher Verehrer in ihr Leben tritt, darf sie mit der Erlaubnis der Mutter 1838 einen Gedichtband veröffentlichen, der hoch gelobt wird. Die Veröffentlichung der Novelle „Die Judenbuche“ bringt dann den Durchbruch.

Die haarsträubenden medizinischen Erkenntnisse, wenn es um die Leiden von Frauen ging, tragen heute zur Belustigung bei, aber mit welchem Unfug sich Frauen abspeisen lassen mussten, zeigt zum Beispiel der Zusammenhang zwischen der Menstruation und der Begierde nach Feuer. Professor Osiander erklärt seinen Studenten dazu im Buch: „Im schlimmsten Fall führt die übermäßige Venosität junger Frauen in den Entwicklungsjahren zu Brandstiftungen und kann enorme Schäden anrichten und entsetzliches Leid über die Nachbarn bringen.“ (S. 120). Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber ich hab bisher noch nichts angezündet.

Die romantischen Szenen zwischen Nette und Straube, aber auch die erotischen Erlebnisse mit ihrem zweiten Verehrer, dem schönen Arnswaldt, lassen den Leser mitlieben, mitleiden und mitfiebern. Die Verhältnisse, in denen die Menschen lebten, erstehen vor dem geistigen Auge. Die politische Situation, die Angst des Adels vor dem aufblühenden Bürgertum und die Gleichmacherei allerorten sowie die Auflehnung der Studenten bilden den Rahmen der Handlung. Der alte Haxthausen kann sich besonders über die Schnellpost echauffieren: „Die Schnellpost! Diese Erfindung des Bürgertums! Alles sollte sich lohnen, sollte Effekt machen und einträglich sein….Aber was nutzte es, schneller voranzukommen, was nutzte die Vernichtung von Zeit und Raum, wenn es dafür inzwischen überall gleich aussah?“ (S. 219) – eine Erkenntnis, die damals so richtig war wie heute.

Unerträglich die Hatz auf die Juden („Hep- hep, Jud verreck“, S. 303), die als Sündenbock wieder einmal herhalten müssen. Die Ereignisse in der Nacht vom 2. August 1829 erinnern an die spätere Reichsprogromnacht unter den Nazis. Auch das Festhalten an alten Traditionen „dem Altdeutschen“ und die Verachtung alles Fremdländischen gerade der jungen Burschenschaften kommt einem bekannt vor und findet sich im aktuellen Zeitgeist leider auch des Öfteren wieder.

Mein Fazit: Ein Buch, das beim Lesen viel Vergnügen bereite und dem ich eine Vielzahl von Leserinnen und Lesern wünsche. Karen Duve hat einen wunderbaren historischen Roman mit einer unglaublichen Liebe zum Detail geschrieben, durch den wir Annette Droste-Hülshoff und Deutschland 1817 näher kennenlernen dürfen – und es lohnt sich!

Ich habe übrigens die Lektüre zum Anlass genommen und einige Gedichte und die Judenbuche als Graphic Novel gelesen. Nicht alles hat mir da gefallen, aber doch konnte ich einige Perlen für mich entdecken.


Auf ein weiterhin so spannendes Lesejahr!


Bis zum nächsten Buch.

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch

Hardcover,  592 Seiten, gebunden mit SU
ISBN: 978-3-86971-138-6

€ 25,00
Verlag: Galiani-Berlin
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