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Kennen Sie eigentlich Kommissar Martin Kühn?

Der Münchner Ermittler ist der Hauptprotagonist von Jan Weiler, dem viele Leser*innen vor allem durch „Maria, ihm schmeckt’s nicht“ oder „Pubertier“  bekannt sein dürfte. Der zweite Band der Krimireihe „Kühn hat Ärger“ ist vor Kurzem erschienen und führt den ermittelnden Berufspendler in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: auf der einen Seite die Münchner Hautevolee in Grünwald, wo die van Hautens residieren, auf der anderen Seite Amir, libanesisches Flüchtlingskind, das in Neuperlach mit seiner Mutter und seinem Bruder in ärmlichen Verhältnissen aufwächst. Beide Milieus rufen die entsprechenden Vorurteile bei den Beamten hervor, wobei Grünwald das definitiv unbekanntere Terrain der Ermittlungsmannschaft ist. Umso überraschter ist Kühn dann, als er in Grünwald zwar den erwarteten Luxus antrifft, nicht aber die Snobs, bei der die Beamten alles andere als willkommen sind, sondern eine überaus offene Familie, die erst einmal zur hausgemachten Limonade auf der Terrasse einlädt.

Julia van Hautens verliebt sich in Amir, der nur ungern ihre Familie und Freunde kennenlernen möchte. Doch Amirs Befürchtungen, sich dort fremd zu fühlen, stellen sich als unbegründet heraus. Im Gegenteil: die ganze Familie und die Clique des Bruders nehmen ihn mit offenen Armen auf. Schnell ist er in ihr Leben integriert. Sie zahlen ihm die Klamotten, sie nehmen ihn mit auf Reisen und vereinnahmen ihn komplett für sich – zum Leidwesen seiner Mutter, die das Gefühl hat, die van Hautens wollen ihr den Sohn nehmen. Nach einer Feier in Grünwald wird Amir schließlich zu Tode geprügelt an einer Haltestelle aufgefunden.

Kühn steht nicht nur beruflich vor dem nächsten Fall, sondern muss auch privat einige Baustellen klären. Er selbst hat gerade ein Burnout hinter sich und ist der festen Überzeugung, dass seine Frau Susanne ihn mit einem anderen Mann hintergeht. Sein Haus steht auf vergiftetem Baugrund – wie die gesamte Siedlung – und in der Nachbarschaft gibt es anscheinend einen Supermarkterpresser. Zu allem Überfluss muss Kühn auch noch zu einem Führungskräfteseminar, vor dem er sich liebend gerne drücken möchte, aber nicht kann (und dass er dann nach Kräften sabotiert – herrlich!).
Jan Weiler liefert mit seinem Krimi ein überaus scharfes Bild unserer Gesellschaft. Seine Beobachtungen schreibt der Journalist mit spitzer Feder und geübtem Blick. Er hat eine eigene Sprache, die dieses Buch so besonders macht und mir das Gefühl gab, ich müsste auf jeder Seite einen Satz unterstreichen. Kennen Sie eigentlich „Pendlerfröhlichkeit“ (S. 63), die Kühn ergreift, weil er mit dem Auto auch nicht schneller am Tatort gewesen wäre als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln? Wussten Sie schon, warum man auf den Sitzen an Haltestellen nur gerade sitzen kann: „Pennerabschreckung“ ist die logische Erklärung, die uns Jan Weiler auf Seite 64 dafür gibt. Herrlich das Bonsaiparkett und das Kopfsteinpflaster aus Dubrovniks Altstadt, das bei den van Hautens zum Interieur gehört. Jan Weiler hält seinen Lesern gekonnt den Spiegel vor.

Normalerweise interessiert mich das Privatleben der Ermittler nur am Rande, aber Kühn ist so aus dem Leben gegriffen, dass man sich selbst immer wieder mit ihm identifiziert. Ich konnte mich beim Lesen komplett in die Situationen hineinversetzen, wie er sich fühlt oder welche Dinge ihm Kopf herumgehen, wie z.B. beim Streit mit seiner Frau.

Eine weitere Reihe, die ich gerne weiterlesen werde. Gut gelacht an manchen Stellen und gefröstelt an anderen. Sie brauchen den ersten Teil nicht gelesen zu haben (hatte ich auch nicht), aber es lohnt sich bestimmt. Eine absolute Leseempfehlung.

Vielen herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Leseexemplar.

Details zum Buch:
400 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-492-05757-8
Verlag: Piper
20,00 €
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