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Mittagsstunde von Dörte Hansen

Vermutlich waren alle begeisterten Leserinnen und Leser von „Altes Land“ genauso ungeduldig wie ich, wann endlich der zweite Roman von Dörte Hansen erscheinen würde. Mit welchem Thema würde sie uns dieses Mal unterhalten und auch zum Nachdenken bringen? Nun ist er endlich da, und wir haben uns sehr über das Leseexemplar des Penguin-Verlags gefreut.


Das deutsche Dorf ist der Hauptprotagonist von „Mittagsstunde“. In diesem Fall das fiktive, in Nordfriesland gelegene Brinkebüll. Kennen Sie die Mittagsstunde noch von ihren Großeltern? Ich erinnere mich genau an die Zeit, wenn ich in den Sommerferien bei meiner Ur-Oma, meiner Großtante und dem dazugehörigen Onkel für einige Zeit war. Dann musste ich durch das Haus schleichen und möglichst keinen Lärm machen. Nach dem Mittag war Ruhe angesagt. Eine Tradition, die ich heute eigentlich gern wieder einführen würde :-), als Kind aber natürlich nicht besonders toll fand.

Im Dorf von damals gab es eine Schule, einen Kaufmannsladen und natürlich eine Dorfkneipe. In genau solch einer Kneipe wächst Dr. Ingwer Feddersen auf, der zurückkommt aus der großen Stadt, zurück in sein Dorf, zurück zur elterlichen Kneipe, um dort seine über 90jährigen Eltern, die sich während der Lektüre als seine Großeltern entpuppen, während eines Sabbaticals zu pflegen und zu unterstützen.

Ingwers zweites Leben findet in Kiel an der Uni statt, wo er als Professor für Archäologie lehrt und in einer Dreier-WG lebt. Böse ist die Beschreibung der WG-Bewohner, denn das kann Dörte Hansen eben auch. Wer „Altes Land“ gelesen hat, weiß das bereits. „Mittagsstunde“ ist allerdings weniger mit schwarzem Humor gespickt als ihr Vorgängerroman. Dörte Hansen spricht in einem Interview davon, dass es ihr vor allem ein Anliegen war, „das Ende der Sesshaftigkeit“ in ihrem neuen Roman zu beschreiben, die durch die Flurbereinigung der 60er Jahre ihren Anfang nahm. Heute sind wir eben größtenteils nicht mehr an Land gebunden, sondern können unseren geographischen Lebensmittelpunkt selbst wählen.

Dörte Hansen hat ein schrulliges Personal für ihren Roman zusammengestellt, die sich im schnoddrigen Plattdütsch unterhalten – auch das erinnert mich an meine Omis, die das noch konnten und ihre Einkaufszettel in Altdeutsch schrieben. Neben Ingwer Feddersen, Ella und Sönke Feddersen, geistert Marret Feddersen durch das Dorf und prophezeit den nahenden Untergang „De Welt geiht ünner“ (S. 7) und deshalb heißt sie bei allen auch Marret Ünnergang „Die Leute seufzten, wenn sie das Klappern auf der Straße hörten. Dor kummt de Ünnergang al wedder.“ (S. 8). Und tatsächlich geht ja ihre Welt unter: Der heimelige Kosmos Dorf verschwindet nach und nach, die Intensivlandwirtschaft vertreibt Tiere und Pflanzen, macht kleine Höfe kaputt und lässt Existenzen verschwinden. Aber auch die Alten verschwinden nach und nach: ihre Körper werden immer weniger, der Geist von Ingwers Mutter ist löchrig von der Demenz. Dörte Hansen findet leise, ausdrucksstarke Worte für die Umkehrung des Vater-Mutter-Kind-Spiels, wenn die eigenen Eltern zum Pflegefall werden und sich von ihren Kindern pflegen lassen müssen. Mit großer Sensibilität und ganz und gar ohne Pathos beschreibt sie die Situationen, in denen Ingwer seinen Großvater wäscht.

Handelt es sich dabei um einen Lobgesang auf alte Dörfer, die mit der Flurbereinigung in den 60er Jahren zu Durchgangsorten wurden und in der die Effizienz die Gemütlichkeit verdrängte? Das vielleicht nicht, aber ein wenig Wehmut spricht schon aus den Worten der Autorin, wenn die ehemaligen Sandpisten, auf denen Generationen von Kindern Roller oder Fahrrad gefahren sind, zu Durchgangsstraßen werden, auf den Kinder nicht mehr spielen, sondern zu Tode gefahren werden. Wenn die Dorfschule schließt und der kleine Laden aufgeben muss, weil ein Discounter um die Ecke eröffnet hat. Dörte Hansen driftet aber niemals ab ins Kitschige, sondern benennt auch die dunklen Seiten der Dorfgemeinschaft: Die über Generationen dauernden Fehden, das Wegschauen, wenn Kinder von ihren Eltern gezüchtigt wurden oder die Flucht der jungen Menschen in die Städte. Was einem die Menschen im Dorf übel nehmen, ist das Verleugnen der Herkunft. Mit allem anderen kommt man in Brinkebüll durch. Ingwer flieht zwar aus der Heimat, fühlt sich aber dennoch mit ihr verbunden. Er will seine Herkunft nicht verleugnen, aber sich schon von ihr emanzipieren – ein inneres Ringen, das uns sicherlich alle beschäftigt.

Das Buch hat den ganz eigenen Dörte-Hansen-Sound und einen ganz besonderen Rhythmus: Als Kapitelüberschriften finden sich Liederzeilen, wie „Schuld war nur der Bossa Nova“ (S. 30) oder „Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“ (S. 76). Im Kopf die Melodie summend, passte sich für mich das Kapitel ganz mühelos in den Takt des Liedes. Ich fand Überschriften und Sound der Kapitel durchweg gelungen. Vieles wird beim Lesen erst nach und nach klar durch den Perspektivenwechsel und die Schilderung der Ereignisse in den 60er Jahren und Heute.

„Mittagsstunde“ ist ganz anders als „Altes Land“, aber ebenso brillant geschrieben und absolut lesenswert. Man merkt dem Roman in jeder Zeile die Verbundenheit von Dörte Hansen mit den Figuren des Dorfes an. Sie kennt diesen Menschschlag persönlich, sie schnackt Platt und weiß wovon sie spricht.

Details zum Buch
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten

ISBN: 978-3-328-60003-9
€ 22,00
Verlag: Penguin

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