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Rezension: Flâneuse von Lauren Elkin

Spaziergänge erleben eine neue Renaissance. Zahlreiche Ratgeber, wie man am besten spazieren geht oder im Wald badet, tragen diesem Trend Rechnung. Die Autorin Laurin Elkin wagt einen anderen Blick in ihrem Buch „Flâneuse“: Wie eroberten sich Frauen den öffentlichen Raum, der bis Ende des 19. Jahrhunderts den Männern vorbehalten war. Nur Bedienstete und Prostituierte konnten sich allein auf der Straße aufhalten. Alle anderen Damen der Gesellschaft drohten ansonsten ihren guten Ruf zu verlieren. Lauren Elkin ist in einem typischen Vorort von New York aufgewachsen, den man sich auf keinen Fall per Pedes, sondern ausschließlich mit dem Auto erschloss. Fußwege waren dort nicht vorgesehen. Als sie dann als Studentin in die Stadt zog, entdeckte sie ihre Leidenschaft, sich in dort zu Fuß und ohne Ziel zu bewegen. „…; es war, als wäre ich, kaum dass ich aus dem Haus ging, wirklich Teil dieser Welt, ein gebender und nehmender Teil, und eins mit allen anderen.“

Laurin Elkin ist Autorin, Essayistin und Übersetzerin. Paris entdeckt sie als Studentin an der Sorbonne mit Bleistift und Papier – auf den Spuren der männlichen Flâneure wie Marcel Proust oder Ernest Hemmingway. „Auf meiner Strecke lagen all die berühmten Cafés des Boulevards: La Rotonde, Le Sélect, Le Dôme und La Coupole, Wasserstellen für Generationen von amerikanischen Schriftstellern in Paris, deren Geister unter den Markisen der Cafés hockten, ohne sich von den Entwicklungen des zwanzigsten Jahrhunderts beeindruckt zu zeigen.“ Sie nimmt uns auf ihre Streifzüge durch Paris, London, Venedig, Tokio und New York mit, immer begleitet von einer berühmten Schriftstellerin, die sich trotz aller Vorbehalte der damaligen Zeit gehend durch ihre Metropole bewegte, um Stoff für ihre Literatur zu finden. „In den Straßen schürfte Woolf nach Drama, und sie füllte ihre Bücher mit den Menschen, vor allem den Frauen, die sie dort beim Vorübergehen, Arbeiten, Pausieren beobachtete.“, schreibt Laurin Elkin über Virginia Woolf in London.

Die Schriftstellerinnen mussten zum Teil ungewöhnliche Wege gehen, wie Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, besser bekannt als George Sand, die sich mit der Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts sozialkritisch und emanzipatorisch auseinandergesetzt hat. Um das zu tun, zog sie sich an wie ein Mann. „Also lernte Sand, wie eine Dame zu gehen. Und dann lernte sie, wie ein Mann zu gehen.“ Aus unserer Sicht eine unterhaltsame Idee, zur damaligen Zeit aber ein illegaler Akt, denn es war Frauen qua Gesetz verboten, Hosen in der Öffentlichkeit zu tragen. „Dieses Gesetz ist heute immer noch in Kraft, wenngleich es selbstverständlich ignoriert wird, doch sogar noch 1969 scheiterte ein Versuch, es zu kippen.“, lässt uns Lauren Elkin wissen. Das Flanieren der Frauen war und ist also ein emanzipatorischer Akt. Dieser Aspekt ist spannend, interessant und klug. Man lernt darüber unglaublich viel beim Lesen dieses Buches.

Die Autorin verwebt ihre eigenen Erfahrungen als Flâneuse mit denen von Virginia Wolf, George Sand, Jean Rhys, Sophie Calle und Agnés Varda. Und hier fand ich manche Passage schwierig, denn manchmal kann sie sich nicht entscheiden, welches Genre sie eigentlich bedienen will: Sachbuch über die Flâneuse oder Autobiografie. Vor allem das Kapitel über Tokio hat sich mir hier nicht erschlossen. Auch den Wunsch, ihren Leserinnen und Lesern alles Wissen zu Teil werden zu lassen, dass sie sich neben dem eigentlichen Thema angeeignet hat, ist anstrengend. Hier hätte sich das Beschränken auf das Kernthema dem Buch gut getan. Denn Laurin Elkin kann hervorragend schreiben und ihre Leser unterhalten.

Ich bin ein großer Fan des Flanierens und packe mir manchmal selbst meinen Bleistift und Block ein, nehme gedanklich meine Schildkröte an die Leine und lasse mich durch Orte und Natur treiben. Eine intensive Erfahrung, die in unserer Gesellschaft suspekt beäugt wird, in der es doch immer um Zielstrebigkeit geht. Auf die Idee hat mich aber nicht Laurin Elkin gebracht, sondern Tom Hodgkinson mit seinem Buch „Anleitung zum Müßiggang“, das 2004 im Insel Verlag erschienen ist und das ich wirklich jedem Menschen nur wärmstens ans Herz legen kann, weil es mit so viel Herz und Witz geschrieben ist. Laurin Elkin möchte ich jedem empfehlen, der sich gleichermaßen für die Idee des Flanierens als emanzipatorischer und revolutionären Akt interessiert sowie die Erschließung des öffentlichen Raums durch mutige, kluge Frauen ihrer Zeit. Auf jeden Fall eine Bereicherung im Bücherregel.

Vielen Dank an den btb-Verlag für das Leseexemplar.

Doch genug der Worte, lesen Sie selbst.
Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
Aus dem Englischen von Cornelia Röser
Originaltitel: Flaneuse - Women Walk the City in Paris, New York, Tokyo, Venice and London
Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten, 7 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-442-75773-2
€ 22,00
Verlag: btb
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