· 

Rezension: Flexen – Flâneusen* Schreiben Städte

30 verschiedenen Perspektiven auf Städte haben die Herausgeber in ihrer Anthologie zusammengetragen. 30 verschiedene Arten, einen Text über das Thema zu schreiben. Am Ende gibt es außerdem ein Interview mit Laurin Elkin, die mit ihrem Buch „Flâneuse“ vor einiger Zeit schon den weiblichen Blick auf verschiedene Städte beschrieben hat.

Weibliche Flâneure haben eine andere Perspektive auf Städte, schon allein deshalb, weil es ihnen nicht vergönnt ist, so einfach mit dem Stadtbild zu verschmelzen, wie ihren männlichen Kollegen. Sie werden schnell von der Beobachterin zur Beobachteten. Die Essays handeln von Frauen, die aus Protest ihre Städte zu Fuß erobern, für die allein der Spaziergang ohne männliche Begleitung ein Risiko darstellt, die die tagtäglichen Übergriffe von Männern beschreiben, von stiller und offensichtlicher Gewalt, Rassismus und Benachteiligung.

Nicht alle Episoden haben mir gleich gut gefallen, aber so wird jede Leserin und jeder Leser sich seine „Lieblingsgeschichte“ herauspicken. Ich habe lange gebraucht, um das Buch zu Ende zu lesen, weil manch Flâneuserie ganz tief unter die Haut geht, wie zum Beispiel „Wenn du lächeln würdest“ von Mirjam Aggeler. Ein Text über die Unfreiheit der Frauen im öffentlichen Raum bei der Wahl ihrer Kleidung. „Heute lieber Hose. Heute lieber unsichtbar. Heute lieber unbemerkt. Gestern den Welpenschutz verloren.“ (S. 43) Denn gestern hatte sie ein Kleid an. Eine Einladung an manche Menschen, in öffentlichen Verkehrsmitteln auf Tuchfühlung zu gehen. Warum nicht dagegen aufbegehren? Das schreibt Mirjam Aggeler sehr genau. Und wer jemals in einer solchen Situation war, kann das zu 100-Prozent nachvollziehen. Widerstreitende Gedanken kämpfen im Kopf miteinander: stelle ich mich hier gerade an? Wird jemand für mich Partei ergreifen oder eher für den „Täter“? „Nimm es als Kompliment“ – wird gedankenlos gesagt. Aber es ist kein Kompliment, es ist eine Anmaßung, wenn fremde Menschen einem das Bein gegen das eigene pressen und womöglich die Hand „versehentlich“ zu einem herüberrutscht. Einen womöglich noch dabei anlächeln. Aggeler gewährt uns einen persönlichen Blick in ihren Kopf.

Das alles mag einem übertrieben erscheinen, wenn man „Wie man eine Stadt erobert“ von Julia lauter liest. Eine Reportage über Neha Singh, die nachts durch Mumbai läuft, ein lebensgefährliches unterfangen und ein Protest indischer Frauen in verschiedenen Städten des Landes. Wo viele Frauen sich auf die Straße trauen, um einfach nur herumzuspazieren, wird es Stück für Stück sicherer. Doch die Frauen müssen sich nicht nur gegenüber Männern und Polizisten rechtfertigen, vor allem die eigenen Familien zeigen wenig Verständnis für das Verhalten der aufsässigen Frauen, die eigentlich nur etwas tun, was für jeden Mann in Indien selbstverständlich ist. So müssen die Frauen oft lügen und sich gegenseitig Alibis geben, um ihre nächtlichen Spaziergänge vor der Familie geheim zu halten.

Flexen bedeutet nicht nur flanieren, sondern auch Sex haben, seine Muskeln zur Schau stellen; und so geht es in manchen Texten um Sexualität zwischen Menschen und den Umgang der Öffentlichkeit mit gleichgeschlechtlichen / queeren Paaren, die sich auch noch mit einem Kinderwagen durch die Stadt bewegen. Sobald Ariane und ihre Partnerin zusammen mit Baby unterwegs sind, müssen die Leute ihre Kommentare loswerden „Hat der Vater mal einen freien Abend gekriegt, ja.“ Dann schwanken die beiden zwischen ignorieren, ausrasten oder so tun, als ob es genauso ist. Auch die beiden stellen sich die Frage, ob sie sich anstellen. Ist doch nicht so schlimm, die meinen es ja nicht böse. Aber wer hört sich als weibliches Pärchen schon gern Sprüche beim Ausgehen an wie „Braucht Ihr nicht noch einen Schwanz?“

Auch wenn ich es nicht so sehe, dass das Flanieren männlichen, weißen Bohemiens in Deutschland vorbehalten ist, so schärfen die Texte den Blick auf die alltäglichen Übergriffe, die wir schon längst als normal empfingen und gar nicht mehr wahrnehmen. Und darauf, dass es durchaus Länder gibt, in denen unsere Selbstverständnis nichts gilt, wie in Indien oder in Beirut. Selbst in Deutschland ist es in einigen Regionen nicht selbstverständlich mit einer dunklen Hautfarbe den öffentlichen Raum zu betreten, wie uns der Text „Dresden – Chemnitz (drei Männer) von Deniz Ohde uns vor Augen führt.

Ein Buch, das die Augen öffnet, einen anderen Blick auf Dinge ermöglicht und ganz bestimmt nicht dümmer macht. Eine Empfehlung für alle, die die Idee des Flanierens als emanzipatorischer und revolutionären Akt interessiert. Auf jeden Fall eine Bereicherung im Bücherregel.

Vielen Dank an den Verbrecher Verlag für das Leseexemplar.

Doch genug der Worte, lesen Sie selbst.

Ihre Tanja Drecke

Details zum Buch:
Herausgegeben von Özlem Özgül Dündar, Mia Göhring, Ronya Othmann und Lea Sauer
Taschenbuch, Broschur, 272 Seiten
ISBN: 9783957324061
€ 18,00
Verlag: Verbrecher Verlag
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.