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Rezension: Tagebuch eines Buchhändlers von Shaun Bythell

Wenn ein Kollege über den täglichen Wahnsinn in seiner Buchhandlung berichtet, ist das für uns natürlich absolute Pflichtlektüre. Shaun Bythell berichtet seit geraumer Zeit auf Facebook über sein Antiquariat „The Book Shop“ im schottischen Bücherdorf Wigtown. Nun hat er ein Buch mit seinen Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 2014 verfasst, in dem er seine Erlebnisse mit Kunden, seine Umsätze sowie seine Buchverkäufe über das Internet-Antiquariat veröffentlicht.

 

Auch wenn unser Alltag als klassische Buchhandlung deutlich anders aussieht als die eines Antiquariats (wir müssen zum Beispiel nicht stundenlang mit dem Auto zu Anbietern fahren, um unsere Bücher abzuholen. Unsere Lieferungen stehen bequem morgens im Laden und nehmen nur zu Schulbuch- und Weihnachtszeiten astronomische Ausmaße an), teilen wir die permanente Sorge ums Überleben, die Konkurrenz durch Amazon & Co. und die Unvereinbarkeit von finanziellen Ressourcen und Personaldecke. Völlig anders stellt sich für uns die Weihnachtszeit dar. Während in den Antiquariaten „Saure-Gurken-Zeit“ herrscht (wer verschenkt schon gern ein gebrauchtes Buch, es sei denn, es ist ein seltenes kostspieliges Sammlerexemplar), ist bei uns Hochbetrieb.


Skurrile Fragen gibt es bei uns im Laden natürlich auch (verkaufen Sie E-Books? Da möchte man dem Autor nacheifern und ein erschossenes E-Book im Laden aufhängen), allerdings feilschen die Leute nicht um den Preis (Gott sei Dank!). Uns fehlt definitiv die Vielfalt der verschrobenen Typen, die Shaun Bythells Laden besuchen, wie Sandy, der tätowierten Heide, mit seinen selbst geschnitzten Spazierstöcken. Bestätigen können wir, dass es Menschen gibt, die Wartezeit, weil die Frau beim Frisör, der Mann beim Steuerberater oder die Kinder beim Schwimmunterricht sind, überbrücken. Was leider nicht sehr häufig zum Kauf eines Buches führt.


Sehr lesenswert ist der Essay von George Orwell „Erinnerungen an eine Buchhandlung“ aus dem Jahr 1936, der frei im Internet verfügbar ist und deren Passagen die Einleitung zu jedem Monat des Buchhändler-Tagebuchs darstellen. Durch das Erlöschen des Urheberrechts 70 Jahre nach dem Tod des Autors ist es für google Books, aber auch für deutsche Seiten, wie das Projekt Gutenberg-DE des Spiegel-Verlags, möglich, diese Schriften online zu stellen. Das macht den Antiquariaten das Leben zusätzlich schwer.


Shaun Bythell schreibt unterhaltsam mit dem für die Insel so typischen Humor kleiner, fieser Spitzen und dem Anspruch, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Sätze, wie „Oder vielleicht gehört er jener aussterbenden Spezies an, die verstehen, dass man eine Buchhandlung unterstützen muss, wenn man will, dass sie überlebt.“ (S. 12), führen beim Lesen zu lautstarken, innerlichen Zustimmungen. Teilweise sind die Einträge aber doch recht belanglos. Als Facebook-Post mögen diese besser funktionieren, als Buch ist es manchmal nicht ganz einfach dranzubleiben. Auch wiederholen sich viele Beschreibungen. Im Internet macht das Sinn, da man ja nie davon ausgehen kann, dass der Leser des letzten Posts auch alle anderen vorher gelesen hat. Ist der Leser des Buches hingegen mit einem einigermaßen funktionierenden Gehirn ausgestattet, sind diese Wiederholung überflüssig und langweilig.


Letztendlich hat Shaun Bythell sein Tagebuch lukrativ als Buch zweitverwertet. Keine doofe Idee, aber doch eher eine Lektüre für Buchhandlungs-Menschen und solche, die es werden wollen. Aer natürlich auch für alle, die schon immer mal wissen wollten, wie es ihrem Buchhändler, ihrer Buchhändlerin um die Ecke so jeden Tag ergeht. Unbedingt empfehlenswert ist es, The Bookshop auf Facebook zu folgen. Daily dose of humor.

Wer wissen möchte, wie Shaun und sein Buchladen aussehen, kann das in einem Video auf der Verlagsseite sehen.


Vielen Dank an den btb-Verlag für das Leseexemplar.


Details zum Buch:
Aus dem Englischen von Mechthild Barth
Taschenbuch, Klappenbroschur, 448 Seiten, 6 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-442-71865-8
€ 11,00
Verlag: btb
Gleich bestellen: 04161-9999700 oder im Shop.